Teil 9

21/05/2009

Als ich meine Augen das nächste Mal öffnete, blendete mich kein Licht, wie zuvor. Der Vorhang war geschlossen, und es drang nur mehr ganz wenig Licht durch den dünnen Stoff. Mein Kopf begann wieder zu schmerzen. Er stach richtig, wie bei Kopfschmerzen nur tausend Mal schlimmer. Es fühlte sich an als würde er jeden Moment explodieren. Ich stöhnte leidvoll und griff mir und an den Kopf, während ich versuchte in meinem Kissen zu versinken. „Schhh, es wird gleich wieder besser. Soll ich eine Schwester rufen?“, hörte ich eine sanfte Stimme. Sie kam mir vertraut vor. Als würde ich so von irgendwo kennen. Ich drehte mich in die Richtung von der die Stimme gekommen war. „Nicht bewegen“ Er hob sich ruckartige aus seinem Sessel und drehte mich vorsichtig wieder in meine vorherige Position. Beinahe hätte er mir Angst gemacht. Ich betrachtete sein Gesicht. Es war nur wenige Zentimeter von meinem entfernt. Ich nahm jede seiner noch so kleinen Bewegungen wahr, als er mich ganz vorsichtig mit der Krankenhausdecke zudeckte. Ich blickte in seine wunderschönen braunen Augen. Sie stachen richtig aus seinem Gesicht her vor. Es war nicht möglich sie zu übersehen. Sie waren braun wie Schokolade nur schöner. Plötzlich blickte auch er mich an und mein Bauch begann zu kribbeln. Unsere Blicke verschmolzen. Ich begann am ganzen Körper zu zittern. Sein Gesicht nährte sich langsam meinem. Ich vergas alles um uns herum. Es waren nur er und ich. Ich dachte an nichts. Gar nichts. Nur daran wie himmlisch weich seine Lippen aussahen. Er lächelte mich an und ich schloss meine Augen. Wartete darauf seine Lippen auf meinen zu spüren. Doch alles, das ich spürte war eine Hand, die mir sanft eine Haarsträhne aus dem Gesicht strich. Ich öffnete meine Augen. Da saß er, mit einem schmunzelnden Lächeln im Gesicht. Wie konnte er nur nach einem Tag schon so einen Effekt auf mich haben. Ich kannte ihn doch gar nicht, und doch veränderte er mich. Wie er da so vor mir saß, dachte ich an nichts außer ihm. All meine Probleme waren vergessen „Du solltest deine Eltern anrufen“ – Bis jetzt.

Teil 8

14/05/2009

„Hallo? Hallo? Kannst du mich hören?“ Die Engelsgleiche Stimme klingt traurig.
„Wenn du mich hören kannst antworte bitte“ Verzweifelt und bestimmt, aber doch so traurig. Es klingt leidend. Die Person, der diese wunderschöne Stimme gehört leidet. Ein Engel, ein leidender Engel.
War ich tot? Hatte ich es geschafft?
Ich wollte meine Augen öffnen, sehen wo ich war. Doch am meisten wollte ich den Engel sehen, den Engel mit der wunderschönen Stimme.
Mit ganzer Kraft versuchte ich meine Augenlider nach oben zu klappen, doch vergeblich. Ich war zu schwach. Meine Lider waren aus Blei, Stahl oder sonst irgendeinem Metall. Sie fühlten sich hart, unbeweglich und vor allem schwer an.
„Ich weiß nicht ob du mich hören kannst, aber wir bringen dich jetzt erst mal ins Krankenhaus. Dann wir d alles wieder gut. Deine Eltern kommen dann sicher auch gleich“

„Nein“, platzte ich hervor. Ich wollte es schreien, ganz laut, doch es kam nur als leises kaum hörbares flüstern hervor.

Ich spürte eine Hand an meiner Schulter. Sie berührte mich ganz sanft. Es war ein gutes Gefühl. Geborgen, ähnlich wie die Steinmauern.
„Was willst du nicht?“, fragte der Engel sanft während die Hand meinen Oberarm streichelte.
Ich bemühte mich, ich wollte antworten, mit ganzer Kraft. Doch es ging nicht. „Bitte, nicht meine Eltern“, wollte ich sagen „Sie sollen sich keine Sorgen machen“ Doch nicht einmal ein Flüstern war zu hören . Gar nichts. Stille. Nur die Hand streichelte meinen Arm, versuchte mich zu beruhigen. Und es gelang ihr.

Ein grelles Licht blendete mich. Hindurch durch meine geschlossenen Augen. Es war weiß, grell weiß. Nur das Licht konnte ich sehen sonst nichts. Langsam gewöhnten sich meine Augen an das Licht. Ich war in einem weißen Raum. Das blende Licht kam durch ein großes Fenster von der Sonne. Es musste zirka Mittag sein. Das Fenster war von orangen Vorhängen umgeben. Alles sah sauber aus, geradezu steril. Ich blickte mich um. Auf einem kleinen Nachtkästchen standen Blumen in einer bunten Vase, und an der Wand hing ein Fernbedingeung-artiges Ding. Da wurde mir klar wo ich war: Im Krankenhaus. Und dieses Gerät an der Wand war für die Steuerung des Bettes. Daneben war ein Alarmknopf, mit dem man eine Schwester rufen konnte, wenn irgend etwas passierte. Weiter hinten, rechts im Eck hing ein kleiner Fernseher. Mir fiel auf, dass neben meinem noch drei weiter Betten im Zimmer standen, doch sie waren alle leer. Die Tür ging auf und ich hörte Schritte. Reflexartig blickte ich in ihre Richtung. Etwas zu schnell, denn auf einmal wackelte wieder alles und mein Kopf tat weh. Ich konnte noch einen Mann in einem weißen Kittel erkennen. Irgendwie war hier alles weiß. Sein Schritt wurde schneller, als er mein schmerzerfülltes Gesicht bemerkte. „Geht’s dir gut?“, fragte er als er neben mir stand. Ich kniff die Augen vor Schmerz zusammen und hielt mir den Kopf. Was wer den das für eine Frage?! Natürlich ging es mir gut. Ich meine warum sollte ich sonst so ein Gesicht machen? Das ist doch der Ausdruck vollkommener Glückseligkeit. Ich schüttelte den Kopf, was ich sofort bereute, denn sofort verdoppelte sich das Stechen in meinem Kopf. „Wo tut es den weh?“ Ich deutete auf meinen Kopf. „Hol‘ ihr ein paar Schmerztabletten“, hörte ich den Doktor rufen als eine Person von weiter hinten durch die Tür verschwand. Wahrscheinlich eine Schwester. „Du musst versuchen dich langsam zu bewegen“ Ich wollte nicken, ließ es dann aber lieber. „Okay“, brachte ich leise hervor. Ich betrachtete den Doktor. Er wirkte freundlich. Anders als die Ärzte die ich bisher kannte. Ich musste grinsen als ich weiterdachte: Dr. Carlisle Cullen. Er hatte gewisse Ähnlichkeit, aber vielleicht bildete ich mir das auch nur ein. Die Schwester kam mit einem Glas Wasser und den Tabletten zurück. „Bitte schlucken, dann müsste es dir auch gleich besser gehen“ Ich tat wie mir gesagt. Er lächelte mir aufmunternd zu. „Du solltest noch ein wenig schlafen. Dann geht es dir sicher besser“ „Okay“ Hauchte ich. Er nickte noch ein letzes Mal, bevor er wieder durch die Tür verschwand.

Teil 7

23/03/2009

Meine Hände zittern als ich die Schere langsam öffne. Mir wird ganz kalt. Vieles in mir sträubt sich dagegen, aber ich habe meine Entscheidung getroffen. Ich will es tun. Ich will alle, die ganze Welt und mich, aber vor allem meine Familie und Abigail von ihrem Leid erlösen. Nichts soll mehr wegen mir in die Brüche gehen. Niemand soll mehr von mir festegehalten werden. Ich will das sie glücklich sind. Sie haben es verdient.
„Ich liebe euch“, denke ich als ich die Klinge zu meinem Handgelenk führe. Ich schließe die Augen und atme tief durch. Bald wird alles besser sein. Die Spitze berührt meine Haut. Sie ist eisig. Ich bekomme Gänsehaut. Ich drücke die Klinge auf meinen Arm. Meine Hand zittert. Langsam ziehe ich die Schere nach hinten und drücke sie dabei fest gegen meinen Arm. Es brennt. Blut strömt hervor. Ich mag kein Blut. Mir wird schlecht, als mir der stechende Geruch in die Nase fährt. Ich versuche mich abzulenken. Nur an mein Ziel zu denken. Ich darf jetzt nicht aufgeben. Ich darf nicht selbstsüchtig sein. Nur weil es ein bisschen wehtut. Ich muss an all das denken was meine Mutter wegen mir noch durchmachen müsste. Aber ich kann und will es verhindern.
Ich drücke fester zu. Ich beiße die Zähne zusammen und konzentriere mich auf ein anders Bild. Das glückliche Gesicht meiner Schwester, als meine Eltern ihr erzählen, dass sie wieder zusammen sind.
Ich lächle während mir Schmerzenstränen über die Wangen laufen. Es tut so verdammt weh. Ich hoffe nur, dass es bald vorbei sein wird.
Mir ist schwindelig und schlecht. Alles wackelt leicht als mir die rote Flüssigkeit über den Arm läuft. Ich beobachte als sie in kleinen Tropfen zu Boden fällt. Auf dem Boden hat sich schon eine kleine Pfütze gebildet.

Gerade als ich den Schnitt noch vertiefen wollte, hörte ich ein Geräusch. Ich verhielt mich leise, verkniff mir mein Schluchzen.
„Hallo?“, hörte ich eine fragende Stimme. Ich blieb leise. Schritte waren zu hören. Doch als ich dachte ich wäre alleine, kamen sie zurück.

„Ich weiß, dass du hier bist“ Meinte die Stimme mich? Ich versuchte sie irgendwie einzuordnen, doch es gelang mir nicht. Sie war mir unbekannt.

„Ein Freund von mir hat dich hier rein, aber nicht wieder rauskommen sehen. Er macht sich sorgen. Es tut mir Leid, wenn ich dich irgendwie störe. Er meinte nur du hast so verzweifelt gewirkt“ Stille. Sie wartete wohl auf meine Antwort, doch sie kam nicht. Auch wenn ich könnte, würde ich ihr nicht antworten, der Schmerz war zu groß. Ich konnte schon gar nicht mehr klar denken.
Ich schluchze, schaffte es aber irgendwie mir jede Art von Schmerzenschrei zu verkneifen. Doch auch das Schluchzen war ein Fehler.
„Geht es dir gut?“ Stille. „Was ist den passier? Brauchst du jemanden zum reden?“ Die Ärmste. Wenn sie nur wüsste. Sie klingt nett. Ich will sie mit meinen Problem nicht verschrecken.
Ich rutsche ganz zurück. Mit dem Rücken gegen den Spülkasten, und lehnte meinen Kopf gegen die kalte steinerne Wang. Die Schere hatte ich auf den Klopapierspender gelegt. Ich schloss meine Augen und dachte an eine bessere Welt ohne mich.
Ganz leise hörte ich noch das fremde Mädchen reden. Wer wohl der Freund war von dem sie gesprochen hatte?

Teil 6

22/03/2009

Auf schnellstem Wege laufe ich zu meinem Platz. Noch immer mit Tränen in den Augen, die den gleichen Effekt wie ein  Schleier haben. Ich nehme alles nur zur Hälfe war. Genau beobachte ich den Boden vor meinen Füßen. Das letzte das ich jetzt gebrauchen kann wäre eine Verletzung. So sehr auf die den platz vor meinen Füßen konzentriert laufe ich geradewegs in eine Person. „Entschuldige“, murmelte ich, blickte kurz hoch, und lief weiter. Doch etwas war anders. Seine Augen. Immer wieder musste ich daran denken. Es war nur ein kurzer Augenblick gewesen. Ein Wimpernschlag, und doch … Nein. Nein. Nein. Ich schüttelte den Kopf und versuchte noch einmal die Tränen ein für alle Mal wegzuwischen. Vergeblich.
Ich lief weiter. Mein Ziel wäre meine Ecke neben den Stufen gewesen. Mein Zufluchtsort. Doch der Weg war noch so lange, und ich wollte nicht  schon wieder dorthin. Es war für Notfälle gedacht. Doch andererseits, das war doch ein Notfall? Mein Blick blieb an einer Tür hängen. Die Mädchentoilette. Der Unterricht hatte gerade erst begonnen, sie müßte eigentlich leer sein. Ohne weiter nachzudenken, riss ich die Tür auf,  und verschwand in der ersten Kabine. Erleichtert verschloß ich die Tür, klappte den schwarzen Deckel herunter und setzte mich auf die Brille.

Ich atmete erst einmal tief durch. Versuchte mich zu beruhigen. Inzwischen hätte ich eigentlich wissen sollen, dass mich laufen nur noch wütender macht. Aber daran dachte ich in solchen Situationen nie.
Das hatte solche Momente wie diesen zur Folgen: Da saß ich. Mein Herz raste, meine Augen rot, umgeben von schwarzer verronnener Farbe. Ich atmete nur zackhaft, ganz kurz und viel zu schnell. Ich hatte Seitenstechen und merkte wie mir das Blut in den Kopf schoss. Ich musste schrecklich aussehen. Aber so fühlte ich mich auch. Einfach scheiße. Alles war scheiße. Mein ganzes Leben war scheiße. Sinnlos. Alles  verlor an Bedeutung oder wandte sich zum Schlechten. Das Glück stand absolut nicht auf meiner Seite. Für was lebte ich eigentlich? Hatte ich überhaupt einen Sinn? Es war doch eigentlich ganz egal ob ich da bin oder nicht. Wahrscheinlich sogar besser: Wenn ich nicht wäre, hätten sich meine Eltern nie getrennt. Meine Mom war damals so gestresst wegen mir, dass sie wegen allem gleich explodiert ist. Bei den Streits mit Dad waren immer Kleinigkeiten der Auslöser. Solche Dinge, wie wenn er sein Geschirr nicht vom Tisch räumte, oder später nach Hause kam. Wäre ich nicht gewesen, hätten sie wohl kaum wegen solchen Kleinigkeiten gestritten, oder gar getrennt. Wenn ich also nicht wäre hätte meine Schwester noch Mutter und Vater, meine Mutter wäre noch glücklich mit ihrer Jugendliebe verheiratet und mein Vater müsste nicht alleine in einer 80m2 Wohnung leben. Alle wären besser ohne mich dran. Selbst Abi müsste sich dann nicht mehr meine ständigen vorträge anhören. Sie würde neue, bessere Freunde finden. Denn als Freund kann man mich nicht wirklich bezeichnen. Immerhin hab ich es bis jetzt noch nicht geschafft, ihr in irgendeiner Weise zu helfen. Ihr Dad schlägt sie immer noch, sie nimmt immer noch Drogen und trinkt ständig und zu viel. Ich habe versagt als Freundin, so wie als Tochter, Schwester und wenn man meine Noten betrachtet auch als Schülerin. In was bin ich eigentlich gut? Warum bin ich hier? Ich bin doch nur eine Last für alle? Wäre es nicht besser ich wäre nicht hier?
Tränen laufen in Strömen über meine Wangen. Verzweifelt suche ich in meiner Schultasche nach einer Packung Taschentücher. Plötzlich fühle ich etwas Kühles. Es fühlt sich metallisch an. Ich taste es mit meinen Fingern ab. Es ist vorne spitz. Langsam, zweifelnd ziehe ich das Etwas aus meiner Schultasche. Ich beobachte die Schere. Sie liegt in meiner Hand. Ich kann mein Gesicht darin erkennen. Ich öffne sie und fahre mit meinem Finger ganz sanft über die Schneide. Sie ist noch ganz neu und spitz.
Ich sitze da mein Herz rast, meine Gedanken überschlagen sich. Soll ich?

Teil 5

20/03/2009

Ich lehnte mich gegen die kühle, steinerne Mauer, und sofort fühlte ich mich beschützt. Langsam schließe ich meine Augenlieder, höre ins nichts. Die Stimmen um mich herum verklingen langsam. Sie verschwinden, verblassen. Lassen meine geliebte Stille zurück. Ich atme auf. Wie immer brennen meine Wangen. Egal was ich machte, oder wo ich war, die rote Farbe war mein ständiger Begleiter. Mitten im Bus strömt mir das Blut ins Gesicht ohne irgendeinen Grund, ohne das mir etwas peinlich ist. Automatisch lege ich meine Hände an meine Wagen, im Versuch mich zu beruhigen. Sie sind kalt. Eisig im Kontrast zu meinem brennenden Gesicht. Ganz langsam beruhigt sich mein Herzschlag. Ich konzentriere mich ganz auf meine Atmung. Es ist ganz leise. Nur meine Luftzüge sind zu hören. Die eisige Kälte der Steinmauer durchfährt meinen Körper. Ich fühle mich beschützt. Unverwundbar. Nichts kann mir passieren. An diesem Ort gibt es keine Probleme. Alles löst sich ins Nichts auf. Mein Wissen verschwindet, wird ersetzt durch die unschuldige Leere einer Kinderwelt. Meine Atemzüge werde gleichmäßig, die Welt um mich herum verblasst…

Ein schrilles Geräusch reißt mich aus meiner Traumwelt. Verwirrt blicke ich um mich. Wo war ich? Laute Stimmen umgaben mich wie eine einengende Mauer. Doch sie waren nicht nahe eher von einem anderen Raum kommend. Endlich begriff ich, dass ich noch in der Schule war. Ich blickte auf die Uhr: 11:15. Ich hatte über zwei Stunden geschlafen. So lange wollte ich gar nicht wegbleiben. Schnell packte ich meinen Rucksack und eilte zurück zur Klasse. Als ich durch die Tür trat begegneten mir verwirrte und belustigte Gesichtern. Nur eines war besorgt. „Wo warst du?“, fragte mich Abigail sichtlich erleichtert, dass ich zurück war. Ich blickte sie stumm an. Nicht ein Wort trat über meine Lippen. Verärgert schnappte sie meine Schulter uns zog mich zurück zu unserm Platz. Ich nahm meine Schultasche ab und setzte mich. Sie tat es mir gleich und blickte mich verwirrt, aber doch gleichzeitig besorgt an. „Wo warst du?“, wiederholte sie, aber dieses Mal ganz ruhig. „Ich bin diejenige die Scheiße macht. Du bist die, die immer das richtige tut. Du bist die Vernünftige von uns beiden.“ Ich blickte ihr in die Augen und schüttelte den Kopf. NEIN. Nein. Nein. Nein. Ich wollte und konnte das nicht mehr. Warum musste ich immer stark sein? Warum war ich diejenige die sich um alles und alles sorgt. Warum musste ich immer die Lösungen finden? Durfte ich nicht auch einmal das Problem sein?! Ich hatte es satt. Ich wollte das alles nicht mehr. Ich wollte gar nichts mehr. Was war überhaupt der Sinn eines solchen Lebens. Meine Eltern hassen sich. Ich sehe sie kaum. Es war als lebte ich alleine mit meiner kleinen Schwester. Meine einzige Freundin lebte halb auf der Straße, denn wenn sie nach Hause ging wurde sie von ihrem Vater halb erschlagen. Und um all ihre Probleme zu vergessen ließ sie sich voll laufen oder rauchte was ihr in die Hände kam. Ich habe keine Ahnung ob sie es wirklich raucht oder was sie sonst damit tut. So genau hat sie mir das noch nie erklärt und wenn ich ehrlich bin will ich es so genau auch gar nicht wissen. Ich meine, ich liebe sie zwar, immerhin ist sie meine beste Freundin, aber ich hasse das was sie macht. Ich finde es einfach nur scheiße. Wie kann sie das nur machen?! Ich verstehe ihre Gründe und alles, aber …. Abi und meine kleine Schwester sind doch alles was ich noch habe. Ich kann nicht auch sie noch verlieren! Unmengen von Tränen liefen über meine Wangen. So weit war es also schon gekommen, ich weinte vor der ganzen Klasse. Vor all den Leuten die ich kein bisschen interessiere. Für die ich nur ein weiter Freak bin. Ich blickte hoch und begegnete Abigails Augen. Schnell schaute ich zur Seite. In ihnen spiegelten sich Sorge, Mitleid und Schmerz. Sorge, weil sie nicht wusste was mit mir los war. Mitleid, da ich weinte. Und Schmerz darüber, dass ich mich ihr nicht anvertraut hatte. Vergeblich versuchte ich die Tränen mit meinen Händen wegzuwischen, doch sie kamen immer wieder. Ich wollte und konnte nicht vor all den Menschen weinen, die mich verachteten. Ich stand auf und ging schnellen Schrittes mit einem Schleier vor den Augen zur Tür hinaus. Zum zweiten Mal an diesem Tag lief ich weg. Zum zweiten Mal gab ich auf, ließ den Feigling in mir gewinnen.

Teil 4

26/02/2009

Erleichtert über das Ende der Stunde, durch das Läuten der Schulglocke, sammelte ich meine Hefte und Bücher ein, um sie in meinem Rucksack zu verstauen. Ich wollte so schnell wie möglich weg. Die Schuldgefühle in meinem Kopf waren fast unerträglich. Ich wollte vor ihnen davon laufen. Sie zurücklassen und vergessen. Doch ich wusste, dass das nicht möglich war. Sie würden mich begleiten, wohin ich auch ging.

Ich schloss meine Schultasche und blickte zu Abigail. Wie immer saß ein Lächeln in ihrem freundlichwirkenden Gesicht. Sie fiel nie auf. Höchstens durch gute Leistungen. Hatten keinen Klassenbucheintrag. Tratschte nicht während des Unterrichts. Niemand würde ihr zutrauen was sie tat. Niemand würde es glauben.

Kopfschüttelnt stürmte ich aus der Klasse, doch auch ohne hinzusehen, wusste ich, dass mir Abi verwirrt nachblickte. Aber ich wollte alleine sein. Zu vieles schwirrte in meinem Kopf. Schnellen Schrittes suchte ich mir meinen Weg durch den Gang, vorbei an Schülern die unbeschwert ihre Pause genossen. Sie wirkten so unbeschwert, so problemlos. Als wäre das ganze Leben nur ein Spiel. Sie wirkten als fühlten sie sich sicher. Stark und beschützt. Als könnte ihnen niemand etwas anhaben. Sie wirkten als wären sie mein Gegenteil. Mein Jing zum Jang. Mein Antagonistisches Hormon. Mein Gegenspieler. Es musste ja immer jemanden geben, dem es schlecht ging, wenn es den anderen gut geht. Es kann nicht immer allen gut gehen. Was wäre das für eine Welt? Eine glückliche und zufriedene?! Dann würden wir in einem Märchen leben und unsere Erlebnisse von den Gebrüdern Grimm festgehalten werden. In unserer Welt, der „realen“ Welt, war immer jemand unglücklich. Nicht nur eine Person, sondern mehrere, und zurzeit zählte eben auch ich zu ihnen. Ich war alleingelassen mit meinen Problemen. Aber auch ich ließ andere im Stich. So kam es mir jedenfalls vor.

Ich schritt die steinernen Treppen hoch in den vorletzten Stock des Schulgebäudes. Es war kein richtiges Stockwerk, eher so etwas wie eine Zwischenetage. Hier lagen nur Sonderräume, für die meisten unbedeutend, wodurch es immer sehr ruhig war. Mir gefiel die Stille. Ich ging an den dicken grauen Mauern entlang, bis ich zu ein paar Stufen kam. Sie führten zur Treppe, die die Verbindung zu zwei weiteren Räumen und dem Dachboden der Schule war. Das war aber im Moment nicht wichtig. Ich wollte nur zu meinem Platz.

Teil 3

11/02/2009

Grinsend hebe ich meinen Kopf. „Hi! Du bist früh dran“, stelle ich fest. „Nein, du bißt nur wieder Mal in deinen Büchern versunken“ Das läuten der Schulglocke zeigte das sie recht hatte. „Siehst du“, meinte sie mit einem siegessicheren Grinsen und nahm auf dem Stuhl neben mir platz. Ich verzog nur das Gesicht, was das ihr Lächeln noch größer wurde. Sie war verrückt. Nicht Serienkiller mäßig verrückt, sondern nur auf ihre eigene Art anders. Einzigartig. Aber doch eben etwas durchgeknallt. Das war einer der Gründe warum ich sie so gern hatte. Sie brachte Abwechslung in mein Leben. Abigail hatte zu vielen Dingen eine andere Einstellung wie ich. In sehr vielen. Mir gefiel nicht alles was sie machte. Ich fand vieles zu gefährlich, oder … ich weiß nicht wie man es beschreiben kann. Ich mochte einfach nicht das sie gewisse Dinge Tat. Eines dieser Dinge waren ihre Drogen. Ich wusste nicht, welche und wieviel oder wie oft sie sie nahm, aber ich wusste das es regelmäßig war und ich mochte es nicht. Mir war nicht klar, wie man sein Leben durch so etwas zerstören konnte. Ich meine in einer Zeit, in der die Folgen eines solchen Handelns mehr als bekannt sind, in der jeder genau weiß wozu so etwas führt, wie kann man dann so dumm sein und so etwas trotzdem tun? Oft genug hatte ich schon versucht ihr Vernunft einzureden, aber es hatte nie funktioniert. Nicht viele wußten von ihrer Drogensucht. War es eine Sucht? Gott, ich wusste es nicht einmal selbst. Ich weiß gar nicht ob ich es wissen wollte. Eigentlich hatte ich es nicht einmal wirklich realisiert. Der Fakt, dass meine beste Freundin Drogen nahm existierte in meinen Gedanken gar nicht. Ich verdrängte es. In unsere Klasse war es ein offenes Geheimnis. Jeder wusste davon und doch bin ich mir nicht sicher, wie viele es wirklich glaubten. Ich bin mir sicher, dass es ihr nur weniger als sie Hälfte wirklich zutrauten. Ihre Familie wusste jedenfalls nichts davon. Weder ihr Vater noch ihre Mutter. Nicht einmal ihrer Schwester vertraute sie sich an, was mir unverständlich war, denn ich erzählte meiner Schwester eigentlich alles. Sie war so etwas wie meine beste Freundin, auch wenn sie mir manchmal gewaltig auf die Nerven ging.

Das knallen der Tür riss mich aus meinen Gedanken. Unser Deutschlehrer Prof. Franklin hatte das Klassenzimmer betreten. Er war um die 60 hatte weißes Haar und trug meistens ziemlich altmodische Sachen. Aber egal wie alt ihn sein Äußeres auch wirken lies, er sprudelte voll Energie. Er erzählte viel und gerne und versuchte uns mit Lebensweißheiten auf unsere Zeit nach der Schule vorzubereiten. Ich mochte ihn sehr gerne. Im Unterricht war er immer gut gelaunt, auch wenn wieder die Hälfte der Klasse, die Hausaufgaben vergessen hatte. Ich wusste nicht wie er das schaffte, aber ich bewunderte ihn dafür.

Die ganze Klasse hatte sich bei eintreten unseres Professors erhoben. „Guten Morgen. Setzt euch bitte“, bat er uns wie gewöhnt. Er begrüßte uns jeden Tag mit denselben Worten, so dass wir bereits ohne aufzublicken wusste, wer den Raum betreten hatte.

„Kinder, heute ist keine gewöhnliche Deutschstunde“, begann Prof. Franklin, während er seine Bücher auf den Tisch legte. „Wir haben heute einen Gast. Er wartet vor der Tür und wird und wird uns heute über den Konsum über Alkohol, Drogen und andern  Suchtmitteln aufklären. Ich habe mit euren Lehren gesprochen und sie habe sich bereiterklärt, auch die nächsten beiden Stunden zu ‘opfern‘, weil auch sie Abhängigkeit für ein sehr wichtiges Thema halten. Ich bitte euch nun ruhig zu sein und gut aufzupassen. Fragen sind erwünscht.“ Er überblickte noch einmal die Klasse um festzustellen ob die Schüler auch seine Mitteilung verstanden hatten. Als niemand reagiert, machte er sich auf den Weg zur Tür um den Gast hereinzubitten.

 

„Gut, dass endlich jemand kommt, sonst bringt Abigail sich noch um mit ihren Drogen. Aber was macht sie nur wenn sie keine mehr hat? Womit soll sie dann ihren Lebensunterhalt verdienen? Ihr Zweitjob als Prostituierte fällt dann nämlich auch weg. Wer schläft schon freiwillig mit ihr, wenn er nicht high ist?!“ 

Am liebsten wäre ich aufgestanden und hätte den Typen umgebracht, der das gesagt hatte. Wie konnte er nur. Er hatte kein Recht sich über sie Lustig zu machen. Ihm war es doch völlig egal, was mit ihr passierte. Ihn kümmerte es nicht. Genau so wenig wie den Rest der Klasse. Viele hatten ihr schon gesagt, sie solle aufhören, aber wen interessierte es wirklich?

Alle lachten noch über das Kommentar. Ich blickte zu Abi um ihre Reaktion zu sehen, doch das hätte ich lieber nicht tun sollen. Es machte mich nur noch wütender. Sie lachte mit. Sie lachte über sich selbst. Ihr war es egal, was die Andern dachten. So sehr ich das auch bewunderte, es deprimierte mich doch. Hatte sie den überhaupt kein Selbstwertgefühl? War sie sich selbst so sehr egal, das sie nicht einmal ein solches Kommentar zum nachdenken brachte? Wollte sie alles einfach nur so hin nehmen? Ich sah sie genau an, und plötzlich wurde mir klar wie es wirklich war. Sie hatte das Kommentar sehr wohl wahr genommen und es schmerzte sie. Es traf sie hart. Doch sie schob den ganzen Schmerz zur Seite, hob ihn auf bis nach der Schule. Sie würde nach der Schule in den Park gehen und sich ihrer Sucht hingeben.

Ich wusste es, und konnte nichts dagegen tun. Ich musste zusehen wie sie sich selbst zerstörte.  Was für eine Freundin war ich eigentlich?!

Teil 2

10/02/2009

Umgeben von Hunderten von anderen Leuten stieg ich die Treppen hoch. Ihr Gerede verblaßte zur Hintergrundmusik meiner Gedanken. Umhüllt vom schützenden Gefühl der steinernen Wände. Sie hatten eine beruhigende Wirkung, die mich all meine Probleme, denen ich von zu Hause entflohen bin, vergessen ließ.

Niemand beachtete mich. Alle waren zu sehr damit beschäftigt den neusten Klatsch der Wochenendfeiern aufzuschnappen. Es wurde darüber getratscht wer wen küsste, egal ob vom anderen Geschlecht oder nicht. Ein Kuss pro Feier war Pflicht. Wie weit es danach ging konnte jeder für sich selbst entscheiden. Doch wer etwas auf sich hielt verblieb nicht nur beim küssen. Der nächste wichtige Punkt war das Trinken. Wer es schaffte sich mit Alkohol ins Krankenhaus zu verfrachten, stieg einen Grad auf der Beliebtheitsskala.

Verschlafen, noch halb träumend suchte ich mir einen Weg, vorbei an Schulrucksäcken und herumtaumelten Beinen, zu meinem Platz. Ich murmelte ein leises „Hallo“, ohne auf eine Reaktion zu warten. Es hatte sowieso niemand bemerkt, dass ich die Klasse betreten hatte. Still nahm ich meine Bücher heraus und stapelte sie auf meinem Tisch. Ich blickte auf die Uhr und merkte, dass er mindesten noch 10 Minuten dauert, bis meine beste und einzige Freundin das Klassenzimmer betreten würde. Wissend, dass ich bis dahin nichts zu tun hatte, zog ich meine Ausgabe von „Bis(s) zum Morgengrauen“ aus meiner Schultasche. Ich laß dieses Buch nun schon zum dritten Mal, und doch war es noch genau so spannend und romantisch wie beim ersten Mal. Ich liebte dieses Buch. Es zeigte mir eine Welt, voll mit Romantik und Liebe, wie ich sie nur zu gern als real bezeichnen möchte. Wie Edward sich um Bella sorgt, sich um sie kümmert und sie beschütz, und trotz seiner endlosen Liebe zu ihr auf sie an seiner Seite verzichtet, nur damit sie weiter ihr unbeschwertes und vor allem sicheres Leben führen kann. Eine wunderschöne Liebesgeschichte, so gefährlich und doch so leidenschaftlich durch ihr Gefühl, wie es sie nur in einer Fantasiewelt geben kann. Nur zu gern wollte ich hoffen, dass ich eines Tages meinen „Edward“ finde, doch durch all meine Erfahrungen, alles was ich im  täglichen Leben hörte und sah, durch all das schwand meine Hoffnung. Trotzdem wartete ich insgeheim doch auf ihn.

Gerade als Edward sein wahres ich vor Bella auf der Lichtung enthüllte, hörte ich ein verschlafen, gemurmeltes „Hallo“ einer wohlbekannten Stimme.

 

Anfang

07/02/2009

Schon von außen wirkten die dicken Steinwände anders. Als würden sie ein Geheimnis verbergen.

Jeden Tag liefen mehrere hundert Leute durch die Tore dieses Hauses ein und aus. Doch niemanden schien die Magie die von ihm ausging aufzufallen. War ich die einzige der ein kalter Schauer über den Rücken lief wenn ich die steinernen Stufen die in das Gebäude führten hinaufstieg?

Doch egal was es war, das das Gebäude umgab, es schenkte mir ein Gefühl der Sicherheit.

 

Wie jeden Tag, wenn das alte steinerne Gebäude in meinen Blickwinkel kam, wunderte ich mich auch heute was wohl seine Geschichte war. Es gab nicht viele Aufzeichnungen über seine Entstehung. Es war mehr oder weniger ein Mysterium wie das Gebäude entstand.

Es war ein kalter Tag, und als ich die erste Brücke überstritt trieb mir der eisige Wind Tränen in die Augen. Es wurde zu dieser Zeit jeden Tag kälter, doch geschneit hatte es noch nicht. Was für einen Sinn machte die Kälte wenn es nicht schneite? Ich ertrug sie nur weil ich hoffte, dass die weißen flocken bald vom Himmel kamen und die ganze Welt wieder weiß und sauber erscheinen ließen. Alles wirkte dann verzaubert. Selbst das alte Gebäude wirkte durch sie noch magischer.

Völlig zerzaust und zittern betrat ich die schützenden Hallen aus Stein. Überall war es noch ruhig. Nur schwache Schritte signalisierten, dass sich Menschen im Gebäude befanden. Doch diese liefen schlaftrunken, wie Zombies durch die Gänge.

Ich machte mich auf den Weg zu meinem Spind um mich von der dicken Kleidung zu befreien. Ich begegnete einigen andern Schülern, doch diese ignorierten mich wie jeden Tag, und dafür war ich sehr dankbar. Ich hatte nicht sehr viele Freunde. Jeder schreckte vor der Mauer, die ich um mich gebaut hatte zurück. Genau so wie ich es wollte. Ich lebte in meiner eigenen kleinen Welt.

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