Eingeschüchtert blickte ich auf das Haus vor mir. Wie sehr ich es hasste. Es wirkte so normal. Wie jedes andere Haus in dieser Straße. Aber für mich war es nicht wie jedes andere Haus. Für mich war es ein Symbol der Unterdrückung. Es stand für all das was ich fühlte und noch immer fühle wenn ich zusammengekauert in einer Ecke sitze, weil ich weiß, dass ich solange sie lebt ich nie richtig leben werde. Mein Leben liegt in ihrer Hand. Sie bestimmt es, und ich kann nur zusehen, nur ausführen was sie mir sagt. Aber es gibt schlimmeres. Es gibt ganz andere Welten. Kriege, Hungersnöte und das schlimmste für mich Kindersoldaten. Mich verfolgt noch immer das Bild dieses einen Jungen in „Blood Diamond“. Ihm wurden die Augen verbunden, eine Waffe gegeben und befohlen zu schießen. Der Junge hatte keine Ahnung was er da machte. Er dachte es sei eine weitere Übung. Erst als er die schmerzerfüllten Schreie hörte nahm er die Augenbinde ab, und sah was er getan hatte. Zwei Menschen lagen tot am Boden. Er hatte jemanden getötet ohne es wirklich zu wissen. Ich weiß es war nur ein Film, aber solche Dinge passieren wirklich. Und zwar nicht irgendwo, sondern hier auf  unserem Planeten. Vielleicht sogar in diesem Moment. Wenn ich über solche Dinge nachdenke, weiß ich wieder, dass ich mich gar nicht beklagen darf. Eigentlich sollte ich in diesen Momenten glücklich sein, weil es mir gut geht, aber das bin ich nicht, weil ich nicht weiß, wie ich diesem Menschen helfen kann.
Fast schon automatisch drückte ich die Klingel, der erste Schritt in Richtung meiner persönlichen Hölle, und fast exakt im gleichen Moment öffnete sich die Haustür. „Da bist du ja endlich. Wir habend schon auf dich gewartet“ Kein ‚Hallo, wie geht es dir? ‘, sonder das war Maries Begrüßung, aber das war ich schon gewohnt. Ich kannte es nicht anderes.
„Hey Mom. Tut Mir Leid das ich zu spät bin. Sarah hat mich gestern in so einen Club mitgeschleppt und es ist ziemlich spät geworden, deswegen bin ich heute noch nicht ganz fit“, versuchte ich mich rauszureden. Sie brauchte ja nicht zu wissen was wirklich passiert ist. Ich war schließlich keine 5 Jahre alt mehr, auch wenn sie mich manchmal so behandelte.
„Und wie kommt es dann, dass deine Schwester schon längst hier ist?“ „Mehr Kaffee?“, probierte ich mit Unschuldsmiene. „ Sehr witzig. Jetzt komm“ Leicht genervt zog sie mich an meinem Handgelenk nach draußen auf die Terrasse, wo schon alle anderen ungeduldig warteten. „Hey“, grüßte ich die Runde mit einer Handbewegung. Niemand machte sich die Mühe zurück zu grüßen. Nichts ungewöhnliches, das war immer so. Da waren sie. Großmütter, Mütter, Töchter alle die sie vorgaben perfekt zu sein. Jede Woche versammelten sie sich hier, um Tee zu trinken, aber in Wahrheit zogen sie nur über alle anderen her, die weniger hatten als sie und den neusten Klatsch und Tratsch aus ihrer Umgebung auszutauschen.  Noch etwas das ich an Maries Welt hasste. Ich redete nicht gerne über Leute hinter ihrem Rücken, wenn mir etwas nicht passte sagte ich es ihnen ins Gesicht, oder behielt es  für mich. Und ich beurteilte sie auch nicht gerne. Für mich waren diese Treffen dir reinste Qual. Aber Marie war das egal. Ihr war es nur wichtig, dass nicht auf einmal sie diejenige war, über die geredet wurde. Und um das zu verhindert musste ich eine gute Tochter sein und zu den Treffen erscheinen. Und so sehr ich Marie auch hasste, sie war meine Mutter und das schuldete ich ihr einfach. Also war ich eine gute Tochter und machte das was sie wollte. So war die ganze Welt einfacher. Jedenfalls für sie.

Die ‚Party‘ war zu Ende. Alle Gäste waren schon gegangen und auch ich war kurz vorm gehen. Ich war nur noch länger geblieben um beim aufräumen zu helfen, wie jedes Mal.
 „Lucinder!“ hörte ich plötzlich Marie von hinter mir rufen. „Ja, Mom?“ „Ich hatte heute ein Treffen mit  John Sander, sein Sohn möchte dich gerne kennen lernen. Ihr trefft eich morgen Abend zum Dinner“ Ich nickte nur. Widerstand war zwecklos. Das wusste ich, aber ich wollte es dieses Mal nicht wahrhaben. Ich konnte es doch versuchen. Vielleicht würde sie ihre Meinung ändern, wenn ich ihr von Sam erzähle. Zwar waren wir theoretisch nicht zusammen, aber was nicht ist kann ja noch werden.
Ich war so in meine Überlegung und Sams grüne Augen vertieft, dass ich gar nicht bemerkte, dass Marie den Raum verließ. Erst als ich den Mut aufbrachte mit ihr zu reden viel mir auf, dass sie weg war. Ich fand sie im Garten wieder, wo sie gerade damit beschäftigt war ihre Blumen zu gießen. Sie liebte das Gärtnern. Der ganze Garten spross in Hunderten verschiedenen Farben. Er war ihr ganzer Stolz. Das war der perfekte Moment mit ihr zu reden, denn ich wusste genau, dass sie in diesem Moment gut gelaunt war. „Mom ich,…“, begann ich bevor mich mein Mut verließ, doch Marie unterbrach mich.
„Lass mich in Ruhe, Lucy“, sagte sie einfach, ohne mich eines Blickes zu würdigen.

Ein kleines Mädchen sitzt zusammengekauert unter ihrem Fenster. Die komischen Geräusche die von draußen kommen machen ihr Angst. Es war ein komischer Laut, irgendwie als würde ein kleines Kind schreien. Es war ihr nicht geheuer. Was wenn da draußen ein kleines Kind leidet? Was wenn ihm jemand wehtut? Und sie sitzt hier drinnen und schaut tatenlos zu. Das will und kann sie nicht. Also macht sie genau das, dass sie mit ihren 5 Jahren kann: Sie nimmt ihren Stoffhasen Mr. Pepper, immerhin war das Geräusch unheimlich und Mr. Pepper würde Angst haben, wenn sie ihn hier im Zimmer allein zurück lässt, und macht sich auf den weg ins Schlafzimmer zu ihrer Mutter. „Mommy, von da draußen,…“ „Lass mich in Ruhe, Lucy“, unterbricht sie ihre Mutter, ohne den Blick vom Fernseher zu wenden. „Aber Mommy, vielleicht…“, versucht es das kleine Mädchen noch einmal, den Tränen nahe. „Ich sagte: Lass mich in Ruhe“ Aber es ist zwecklos. „Gute Nacht Mommy“, sagt sie schluchzend, wohl darauf bedacht, dass sie ihr Mutter nicht hört, um nicht noch mehr Ärger zubekommen, und macht sich auf den Weg zurück in ihr Zimmer. Sie setzt sich an exakt dieselbe Stelle wie vorhin, und betet, dass dem kleinem Kind nichts passiert. Mr. Pepper hält sie dabei fest im Arm. Und auch als das furchteinflößende Geräusch endlich endet, und sie beschliest, dass es Zeit war ins Bett zu gehen, lässt sie ihn nicht los. Sie setzt ihn auf ihren Bauch, und blickt ihn fragend an. „Hat mich meine Mommy eigentlich lieb?“, flüstert sie ihm zu. Und während sie auf einen Antwort wartet fällt sie in einen tiefen Schlaf.

Völlig übermüdet von den beiden letzten anstrengenden Tagen, ließ ich mich erschöpft in mein kuscheliges Bett fallen. Ich wollte gerade die Lampe ausknipsen, als mein blick auf meinen Glücksbringer viel, der auf meinem Nachttisch saß. Ich hatte ihn schon seit ich mich erinnern konnte, er war noch nie von meiner Seite gewichen. Ich warf ihm ein Lächeln zu und knipste die Lampe aus. „Gute Nacht, Mr. Pepper“, flüsterte ich, bevor ich ins Traumland reiste.

Das ist ein Teil meiner neuen Geschichte. Sie heißt “…und alles wegen Dir!” Ich ändere Sttändig einige Dinge, also wundert euch nicht wenn ein paar Worte plötzlich durch andere ersetzt sind (:

Hunderte von Menschen umringten mich, und alle hatten sie das gleiche Ziel: Die Welt um sich herum vergessen; einfach nur Spaß haben. Eigentlich war genau das auch mein Ziel. Nur mit dem kleinen Unterschied, dass ich nicht am nächsten Tag in einem fremden Bett aufwachen würde. Davon war ich fest überzeugt.
Ein ekeliger Mix aus Zigarettenrauch, Alkohol und bereits Verdautem, so könnte man es ausdrücken, drang in meine Nase.
Ich hasste Orte wie diesen. Es war mir einfach zu voll. Um mich herum tanzten Menschen, oder versuchten es zu mindest. Die Meisten von ihnen konnten nicht einmal mehr gerade stehen. Sie wankten hin und her, während sie sich bemühten mit ihrem Geschrei, die mehr als laute Musik zu übertönen, was mir den Anschein gab, dass meine Ohren diesen Abend nicht heil überstehen würden.
Wie gerne wäre ich jetzt zu Hause, eingekuschelt in meine Lieblingsdecke, in meinem Lieblingspyjama auf meiner Couch mit einer schönen heißen Tasse Kakao und diesen himmlischen kleinen Karamelbonbons während ich mir einen dieser Kitschfilme ansehe, und mitfiebere, bis schließlich die beiden Hauptdarsteller zusammenkommen und sich glücklich bis an ihr Lebensende verliebt in die Augen blicken.  Herrlich. Das wäre ein perfekter Samstagabenden. Und wäre da nicht Sarah, wäre er auch so verlaufen. Ihr Leben lang wird sie für diesen Abend bezahlen. Manchmal wünschte ich wirklich, ich wäre ein Einzelkind.
 Genervt blickte ich auf die Uhr: Es war erst Mitternacht. Es würde bestimmt noch 2 Stunden dauern bis Sarah sich endlich dazu bereit erklären würde die Bar zu verlassen. Gelangweilt und etwas verloren versuchte ich, ihr Gesicht in der Menge zu entdecken. Zwecklos. Sie war wie vom Erdboden verschluckt. Es war jedes Mal das gleiche mit ihr. Spätestens nach einer Stunde verschwand sie spurlos. Und wenn sie endlich zurück kam erzählte sie mir von ihrem neuesten Typen, mit dem sie sich “unterhalten“  hatte, und am nächsten Tag konnte sie sich an nichts mehr erinnern. Auch nicht mehr daran, wie verliebt sie noch am Vortag war, und wie toll der Neue nicht gewesen war. Wow, das muss wahre Liebe sein.
Es kam mir so vor, als würde die Menge um mich herum ständig wachsen. Immer mehr und mehr Leute drängten sich um mich herum. Beim dreißigsten Tritt auch meinem Fuß wurde es mir schließlich zuviel. Ich beschloß, entweder nach Hause zu fahren und Sarah sich selbst zu überlassen oder mir meinen Weg zur Bar zu bahnen und mir meine schlechte Laune wegzutrinken.
Da die erste Möglichkeit sowieso nie eine Chance hatte, dazu war ich eine viel zu nette Schwester, drängte ich mich, an schwitzenden Körpern vorbei, zur Bar hin. Memo an mich selbst: Sobald ich zu Hause bin: Duschen gehen! Ich konnte mich an nichts Ekeligeres, dass ich je erlebt hatte, als das hier erinnern. Nicht einmal die Guten-Morgen-Küsse meines Hundes konnten das Toppen.
„Vodka Trojka, bitte“, bestellte ich freundlich lächelnd, als ich endlich an der Bar war.  „Machen sie 2 daraus“ Ich blickte neben mich. Und plötzlich passierte es. Blau traf auf grün. Nur einen kurzen Moment, dann blickte ich zur Seite. Zu schüchtern länger in die Augen des Fremden zu blicken. Mein Gesicht begann zu brennen. Schnell, und möglichst normal-wirkend, ließ ich meine Haare über mein Gesicht fallen um das leuchtende rot zu verbergen. Niemandem sollte meine Verlegenheit auffallen. Obwohl das eigentlich unmöglich war.
„Hey“, grinste er mich an und seine Augen funkelten, als wären sie grüne Smaragde.
„Hey“, gab ich verlegen zurück und das Rot wurde noch intensiver.  Schön gleichmäßig atmen. Beruhig dich Lucy.

Müde schlug ich meine Lider auf. Selbst durch den frühmorgendlichen Schleier, der sich vor meinen Augen gebildet hatte, konnte ich erkennen, dass das nicht mein Schlafzimmer war. Ich setzte mich auf und rieb mir die Augen. Definitiv nicht mein Zimmer. Eher ein Hotelzimmer oder so etwas Ähnliches. Ich hörte, dass sich jemand dem Zimmer näherte. Schnell drehte ich mich zur Seite und tat so als würde ich schlafen. Ich hörte wie die Tür geöffnet und wieder geschlossen wurde und jemand zum Bett ging. Ganz langsam streichelte mir dieser jemand über den Rücken und drückte mir einen sanften Kuss auf die Wange. „Guten Morgen Dornröschen“, flüsterte er.

„Du bist also hier um deinen Dad zu finden“, fragte ich noch einmal nach und umklammerte dabei meine Kaffeetasse dabei so fest, dass meine Finger schon ganz weiß waren.
 Ich konnte noch immer nicht glauben was letzte Nacht passiert war. Das passte so gar nicht zu mir. Ich war nicht so Eine, die mit dem nächst Besten gleich ins Bett steigt. Und Sam allen Anschein nach auch nicht. Irgendwie war das für uns beide eine merkwürdige Nacht. Aber egal wie falsch mir das was gestern passiert war auch vorkam, bereute ich es nicht. Das war irgendwie seltsam. Kein schlechtes Gewissen, oder ungutes Gefühl im Bauch. Und Sam und ich verstanden uns auch noch ziemlich gut. So viel ich bis jetzt wusste war er bei seiner Mutter, Fiona aufgewachsen. Die beiden hatten ein prima Verhältnis. Seinen Vater kannte er gar nicht, und Fiona sprach auch nicht gerne über ihn. Sie wusste damals nicht das er verheiratet war und sie nur seine kleine Affäre. Fiona war so wütend, dass sie ihm nicht einmal erzählte, dass sie schwanger war. Und jetzt war Sam hier um ihn zu suchen.
„Stimmt. Ich möchte endlich wissen wo ich herkomme. Natürlich nicht wörtlich. Du weit schon“ Ich musste grinsen, als er leicht rot wurde. „Erfahren wie er ist, ob er mir ähnlich ist. Kleine Jungen Träume eben“ Ich nickte. Ich wusste genau was er meinte. „Mein Dad ist gestorben als ich 3 war. Nicht nur Jungs haben solche Träume“, grinste ich traurig. Er gab mir einen mitleidvollen Blick. „Tut mir Leid, ich wusste das nicht. Ich meine ich rede die ganze Zeit von meinem Dad, und du…“ „Schon gut, ist schon lange aus“, versuchte ich seine Verlegenheit zu bremsen.
Ich stellte meine Tasse ab und legte meine Hand auf den Tisch, während ich ihn mit meinem Blick versicherte, dass alles in Ordnung ist. Er tat es mit gleich, nur dass er meine Hand mit seiner bedeckte und sanft kleine Kreise auf die meine zeichnete. „Bist du dir sicher?“, fragte er mitfühlend. Ich nickte. „Alles in Ordnung“, versicherte ich abermals.

„Lucy warte“, hörte ich die mir inzwischen vertraute Stimme mir hinterher rufen, als ich dabei war in das Taxi zu steigen. Völlig außer Atem kam Sam bei mir an. Er schnappte so heftig nach Luft, dass ich mir mein Lachen nicht verkneifen konnte. „ Das findest du also Lustig, wenn die Männer denen du den Kopf verdreht hast, außer Atem sind, nur weil sie dich um ein Date bitten möchten.“ Ich lachte nickend weiter, bis ich endlich den Sinn seiner Aussage verstand. „Du willst mit mir Ausgehen?“, fragte ich völlig verdutzt. „Ja, denn eigentlich halte ich Sport für Mord, und laufen am frühen Morgen,  oder eher frühen Mittag …„
Das Klingeln meines Handy unterbrach sein nervöses Gestotter. „Einen Moment. Hallo. Oh, Hi Mom. Ja, bin gleich da. Ja. Ja, Mom. Bis gleich.“ Leicht verlegen klappte ich mein Handy zu und packte es wieder zurück in meine Tasche. So viel zu meinem Plan Marie nicht jeden Teil meines Lebens kontrollieren zu lassen. „Das war meine Mutter“ Ich versuchte mir eine Erklärung einfallen zu lassen, ohne wie ein komplettes Mamamädchen zu wirken. Doch mir viel keine ein. Ich versuchte die unangenehme Situation zu verkürzen und sagte einfach nur „Ich muss weg“ drückte ihm einen schnellen Kuss auf die Wange und verschwand im Taxi.
Doch anscheinend hatte er andere Pläne. Gleich nachdem ich die Autotür geschlossen hatte, öffnete er sie erneut. „Deine Nummer“ Ich blickte ihn verwirrt an. „Ähm … Könnte ich deine Handynummer haben, dann rufe ich dich an. Außer du willst nicht, dann natürlich nicht. Ich… „ Schnell zog ich meine Karte aus meiner Tasche und drückte sie ihm in die Hand, um ihn aus seiner peinlichen Lage zu befreien. Er hatte wirklich Talent sich in solche Situationen zu verreden, das war sogar mir schon aufgefallen. Aber irgendwie war es süß. Jetzt konnte ich nur noch hoffen, dass er mich wirklich anruft.

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