Kapitel 1        Blau trifft auf Grün

Hunderte von Menschen umringten mich, und alle hatten sie das gleiche Ziel: Die Welt um sich herum vergessen; einfach nur Spaß haben. Eigentlich war genau das auch mein Ziel. Nur mit dem kleinen Unterschied, dass ich nicht am nächsten Tag in einem fremden Bett aufwachen würde. Davon war ich fest überzeugt.
Ein ekeliger Mix aus Zigarettenrauch, Alkohol und bereits Verdautem, so könnte man es ausdrücken, drang in meine Nase.
Ich hasste Orte wie diesen. Es war mir einfach zu voll. Um mich herum tanzten Menschen, oder versuchten es zu mindest. Die Meisten von ihnen konnten nicht einmal mehr gerade stehen. Sie wankten hin und her, während sie sich bemühten mit ihrem Geschrei, die mehr als laute Musik zu übertönen, was mir den Anschein gab, dass meine Ohren diesen Abend nicht heil überstehen würden.
Wie gerne wäre ich jetzt zu Hause, eingekuschelt in meine Lieblingsdecke, in meinem Lieblingspyjama auf meiner Couch mit einer schönen heißen Tasse Kakao und diesen himmlischen kleinen Karamelbonbons während ich mir einen dieser Kitschfilme ansehe, und mitfiebere, bis schließlich die beiden Hauptdarsteller zusammenkommen und sich glücklich bis an ihr Lebensende verliebt in die Augen blicken.  Herrlich. Das wäre ein perfekter Samstagabenden. Und wäre da nicht Sarah, wäre er auch so verlaufen. Ihr Leben lang wird sie für diesen Abend bezahlen. Manchmal wünschte ich wirklich, ich wäre ein Einzelkind.
 Genervt blickte ich auf die Uhr: Es war erst Mitternacht. Es würde bestimmt noch 2 Stunden dauern bis Sarah sich endlich dazu bereit erklären würde die Bar zu verlassen. Gelangweilt und etwas verloren versuchte ich, ihr Gesicht in der Menge zu entdecken. Zwecklos. Sie war wie vom Erdboden verschluckt. Es war jedes Mal das gleiche mit ihr. Spätestens nach einer Stunde verschwand sie spurlos. Und wenn sie endlich zurück kam erzählte sie mir von ihrem neuesten Typen, mit dem sie sich “unterhalten“  hatte, und am nächsten Tag konnte sie sich an nichts mehr erinnern. Auch nicht mehr daran, wie verliebt sie noch am Vortag war, und wie toll der Neue nicht gewesen war. Wow, das muss wahre Liebe sein.
Es kam mir so vor, als würde die Menge um mich herum ständig wachsen. Immer mehr und mehr Leute drängten sich um mich herum. Beim dreißigsten Tritt auch meinem Fuß wurde es mir schließlich zuviel. Ich beschloß, entweder nach Hause zu fahren und Sarah sich selbst zu überlassen oder mir meinen Weg zur Bar zu bahnen und mir meine schlechte Laune wegzutrinken.
Da die erste Möglichkeit sowieso nie eine Chance hatte, dazu war ich eine viel zu nette Schwester, drängte ich mich, an schwitzenden Körpern vorbei, zur Bar hin. Memo an mich selbst: Sobald ich zu Hause bin: Duschen gehen! Ich konnte mich an nichts Ekeligeres, dass ich je erlebt hatte, als das hier erinnern. Nicht einmal die Guten-Morgen-Küsse meines Hundes konnten das Toppen.
„Vodka Trojka, bitte“, bestellte ich freundlich lächelnd, als ich endlich an der Bar war.  „Machen sie 2 daraus“ Ich blickte neben mich. Und plötzlich passierte es. Blau traf auf grün. Nur einen kurzen Moment, dann blickte ich zur Seite. Zu schüchtern länger in die Augen des Fremden zu blicken. Mein Gesicht begann zu brennen. Schnell, und möglichst normal-wirkend, ließ ich meine Haare über mein Gesicht fallen um das leuchtende rot zu verbergen. Niemandem sollte meine Verlegenheit auffallen. Obwohl das eigentlich unmöglich war.
„Hey“, grinste er mich an und seine Augen funkelten, als wären sie grüne Smaragde.
„Hey“, gab ich verlegen zurück und das Rot wurde noch intensiver.  Schön gleichmäßig atmen. Beruhig dich Lucy.

Müde schlug ich meine Lider auf. Selbst durch den frühmorgendlichen Schleier, der sich vor meinen Augen gebildet hatte, konnte ich erkennen, dass das nicht mein Schlafzimmer war. Ich setzte mich auf und rieb mir die Augen. Definitiv nicht mein Zimmer. Eher ein Hotelzimmer oder so etwas Ähnliches. Ich hörte, dass sich jemand dem Zimmer näherte. Schnell drehte ich mich zur Seite und tat so als würde ich schlafen. Ich hörte wie die Tür geöffnet und wieder geschlossen wurde und jemand zum Bett ging. Ganz langsam streichelte mir dieser jemand über den Rücken und drückte mir einen sanften Kuss auf die Wange. „Guten Morgen Dornröschen“, flüsterte er.

„Du bist also hier um deinen Dad zu finden“, fragte ich noch einmal nach und umklammerte dabei meine Kaffeetasse dabei so fest, dass meine Finger schon ganz weiß waren.
 Ich konnte noch immer nicht glauben was letzte Nacht passiert war. Das passte so gar nicht zu mir. Ich war nicht so Eine, die mit dem nächst Besten gleich ins Bett steigt. Und Sam allen Anschein nach auch nicht. Irgendwie war das für uns beide eine merkwürdige Nacht. Aber egal wie falsch mir das was gestern passiert war auch vorkam, bereute ich es nicht. Das war irgendwie seltsam. Kein schlechtes Gewissen, oder ungutes Gefühl im Bauch. Und Sam und ich verstanden uns auch noch ziemlich gut. So viel ich bis jetzt wusste war er bei seiner Mutter, Fiona aufgewachsen. Die beiden hatten ein prima Verhältnis. Seinen Vater kannte er gar nicht, und Fiona sprach auch nicht gerne über ihn. Sie wusste damals nicht das er verheiratet war und sie nur seine kleine Affäre. Fiona war so wütend, dass sie ihm nicht einmal erzählte, dass sie schwanger war. Und jetzt war Sam hier um ihn zu suchen.
„Stimmt. Ich möchte endlich wissen wo ich herkomme. Natürlich nicht wörtlich. Du weit schon“ Ich musste grinsen, als er leicht rot wurde. „Erfahren wie er ist, ob er mir ähnlich ist. Kleine Jungen Träume eben“ Ich nickte. Ich wusste genau was er meinte. „Mein Dad ist gestorben als ich 3 war. Nicht nur Jungs haben solche Träume“, grinste ich traurig. Er gab mir einen mitleidvollen Blick. „Tut mir Leid, ich wusste das nicht. Ich meine ich rede die ganze Zeit von meinem Dad, und du…“ „Schon gut, ist schon lange aus“, versuchte ich seine Verlegenheit zu bremsen.
Ich stellte meine Tasse ab und legte meine Hand auf den Tisch, während ich ihn mit meinem Blick versicherte, dass alles in Ordnung ist. Er tat es mit gleich, nur dass er meine Hand mit seiner bedeckte und sanft kleine Kreise auf die meine zeichnete. „Bist du dir sicher?“, fragte er mitfühlend. Ich nickte. „Alles in Ordnung“, versicherte ich abermals.

„Lucy warte“, hörte ich die mir inzwischen vertraute Stimme mir hinterher rufen, als ich dabei war in das Taxi zu steigen. Völlig außer Atem kam Sam bei mir an. Er schnappte so heftig nach Luft, dass ich mir mein Lachen nicht verkneifen konnte. „ Das findest du also Lustig, wenn die Männer denen du den Kopf verdreht hast, außer Atem sind, nur weil sie dich um ein Date bitten möchten.“ Ich lachte nickend weiter, bis ich endlich den Sinn seiner Aussage verstand. „Du willst mit mir Ausgehen?“, fragte ich völlig verdutzt. „Ja, denn eigentlich halte ich Sport für Mord, und laufen am frühen Morgen,  oder eher frühen Mittag …„
Das Klingeln meines Handy unterbrach sein nervöses Gestotter. „Einen Moment. Hallo. Oh, Hi Mom. Ja, bin gleich da. Ja. Ja, Mom. Bis gleich.“ Leicht verlegen klappte ich mein Handy zu und packte es wieder zurück in meine Tasche. So viel zu meinem Plan Marie nicht jeden Teil meines Lebens kontrollieren zu lassen. „Das war meine Mutter“ Ich versuchte mir eine Erklärung einfallen zu lassen, ohne wie ein komplettes Mamamädchen zu wirken. Doch mir viel keine ein. Ich versuchte die unangenehme Situation zu verkürzen und sagte einfach nur „Ich muss weg“ drückte ihm einen schnellen Kuss auf die Wange und verschwand im Taxi.
Doch anscheinend hatte er andere Pläne. Gleich nachdem ich die Autotür geschlossen hatte, öffnete er sie erneut. „Deine Nummer“ Ich blickte ihn verwirrt an. „Ähm … Könnte ich deine Handynummer haben, dann rufe ich dich an. Außer du willst nicht, dann natürlich nicht. Ich… „ Schnell zog ich meine Karte aus meiner Tasche und drückte sie ihm in die Hand, um ihn aus seiner peinlichen Lage zu befreien. Er hatte wirklich Talent sich in solche Situationen zu verreden, das war sogar mir schon aufgefallen. Aber irgendwie war es süß. Jetzt konnte ich nur noch hoffen, dass er mich wirklich anruft.

Kapitel 2        Sag, liebst du mich?

Eingeschüchtert blickte ich auf das Haus vor mir. Wie sehr ich es hasste. Es wirkte so normal. Wie jedes andere Haus in dieser Straße. Aber für mich war es nicht wie jedes andere Haus. Für mich war es ein Symbol der Unterdrückung. Es stand für all das was ich fühlte und noch immer fühle wenn ich zusammengekauert in einer Ecke sitze, weil ich weiß, dass ich solange sie lebt ich nie richtig leben werde. Mein Leben liegt in ihrer Hand. Sie bestimmt es, und ich kann nur zusehen, nur ausführen was sie mir sagt. Aber es gibt schlimmeres. Es gibt ganz andere Welten. Kriege, Hungersnöte und das schlimmste für mich Kindersoldaten. Mich verfolgt noch immer das Bild dieses einen Jungen in „Blood Diamond“. Ihm wurden die Augen verbunden, eine Waffe gegeben und befohlen zu schießen. Der Junge hatte keine Ahnung was er da machte. Er dachte es sei eine weitere Übung. Erst als er die schmerzerfüllten Schreie hörte nahm er die Augenbinde ab, und sah was er getan hatte. Zwei Menschen lagen tot am Boden. Er hatte jemanden getötet ohne es wirklich zu wissen. Ich weiß es war nur ein Film, aber solche Dinge passieren wirklich. Und zwar nicht irgendwo, sondern hier auf  unserem Planeten. Vielleicht sogar in diesem Moment. Wenn ich über solche Dinge nachdenke, weiß ich wieder, dass ich mich gar nicht beklagen darf. Eigentlich sollte ich in diesen Momenten glücklich sein, weil es mir gut geht, aber das bin ich nicht, weil ich nicht weiß, wie ich diesem Menschen helfen kann.
Fast schon automatisch drückte ich die Klingel, der erste Schritt in Richtung meiner persönlichen Hölle, und fast exakt im gleichen Moment öffnete sich die Haustür. „Da bist du ja endlich. Wir habend schon auf dich gewartet“ Kein ‚Hallo, wie geht es dir? ‘, sonder das war Maries Begrüßung, aber das war ich schon gewohnt. Ich kannte es nicht anderes.
„Hey Mom. Tut Mir Leid das ich zu spät bin. Sarah hat mich gestern in so einen Club mitgeschleppt und es ist ziemlich spät geworden, deswegen bin ich heute noch nicht ganz fit“, versuchte ich mich rauszureden. Sie brauchte ja nicht zu wissen was wirklich passiert ist. Ich war schließlich keine 5 Jahre alt mehr, auch wenn sie mich manchmal so behandelte.
„Und wie kommt es dann, dass deine Schwester schon längst hier ist?“ „Mehr Kaffee?“, probierte ich mit Unschuldsmiene. „ Sehr witzig. Jetzt komm“ Leicht genervt zog sie mich an meinem Handgelenk nach draußen auf die Terrasse, wo schon alle anderen ungeduldig warteten. „Hey“, grüßte ich die Runde mit einer Handbewegung. Niemand machte sich die Mühe zurück zu grüßen. Nichts ungewöhnliches, das war immer so. Da waren sie. Großmütter, Mütter, Töchter alle die sie vorgaben perfekt zu sein. Jede Woche versammelten sie sich hier, um Tee zu trinken, aber in Wahrheit zogen sie nur über alle anderen her, die weniger hatten als sie und den neusten Klatsch und Tratsch aus ihrer Umgebung auszutauschen.  Noch etwas das ich an Maries Welt hasste. Ich redete nicht gerne über Leute hinter ihrem Rücken, wenn mir etwas nicht passte sagte ich es ihnen ins Gesicht, oder behielt es  für mich. Und ich beurteilte sie auch nicht gerne. Für mich waren diese Treffen dir reinste Qual. Aber Marie war das egal. Ihr war es nur wichtig, dass nicht auf einmal sie diejenige war, über die geredet wurde. Und um das zu verhindert musste ich eine gute Tochter sein und zu den Treffen erscheinen. Und so sehr ich Marie auch hasste, sie war meine Mutter und das schuldete ich ihr einfach. Also war ich eine gute Tochter und machte das was sie wollte. So war die ganze Welt einfacher. Jedenfalls für sie.

Die ‚Party‘ war zu Ende. Alle Gäste waren schon gegangen und auch ich war kurz vorm gehen. Ich war nur noch länger geblieben um beim aufräumen zu helfen, wie jedes Mal.
 „Lucinder!“ hörte ich plötzlich Marie von hinter mir rufen. „Ja, Mom?“ „Ich hatte heute ein Treffen mit  John Sander, sein Sohn möchte dich gerne kennen lernen. Ihr trefft eich morgen Abend zum Dinner“ Ich nickte nur. Widerstand war zwecklos. Das wusste ich, aber ich wollte es dieses Mal nicht wahrhaben. Ich konnte es doch versuchen. Vielleicht würde sie ihre Meinung ändern, wenn ich ihr von Sam erzähle. Zwar waren wir theoretisch nicht zusammen, aber was nicht ist kann ja noch werden.
Ich war so in meine Überlegung und Sams grüne Augen vertieft, dass ich gar nicht bemerkte, dass Marie den Raum verließ. Erst als ich den Mut aufbrachte mit ihr zu reden viel mir auf, dass sie weg war. Ich fand sie im Garten wieder, wo sie gerade damit beschäftigt war ihre Blumen zu gießen. Sie liebte das Gärtnern. Der ganze Garten spross in Hunderten verschiedenen Farben. Er war ihr ganzer Stolz. Das war der perfekte Moment mit ihr zu reden, denn ich wusste genau, dass sie in diesem Moment gut gelaunt war. „Mom ich,…“, begann ich bevor mich mein Mut verließ, doch Marie unterbrach mich.
„Lass mich in Ruhe, Lucy“, sagte sie einfach, ohne mich eines Blickes zu würdigen.

Ein kleines Mädchen sitzt zusammengekauert unter ihrem Fenster. Die komischen Geräusche die von draußen kommen machen ihr Angst. Es war ein komischer Laut, irgendwie als würde ein kleines Kind schreien. Es war ihr nicht geheuer. Was wenn da draußen ein kleines Kind leidet? Was wenn ihm jemand wehtut? Und sie sitzt hier drinnen und schaut tatenlos zu. Das will und kann sie nicht. Also macht sie genau das, dass sie mit ihren 5 Jahren kann: Sie nimmt ihren Stoffhasen Mr. Pepper, immerhin war das Geräusch unheimlich und Mr. Pepper würde Angst haben, wenn sie ihn hier im Zimmer allein zurück lässt, und macht sich auf den weg ins Schlafzimmer zu ihrer Mutter. „Mommy, von da draußen,…“ „Lass mich in Ruhe, Lucy“, unterbricht sie ihre Mutter, ohne den Blick vom Fernseher zu wenden. „Aber Mommy, vielleicht…“, versucht es das kleine Mädchen noch einmal, den Tränen nahe. „Ich sagte: Lass mich in Ruhe“ Aber es ist zwecklos. „Gute Nacht Mommy“, sagt sie schluchzend, wohl darauf bedacht, dass sie ihr Mutter nicht hört, um nicht noch mehr Ärger zubekommen, und macht sich auf den Weg zurück in ihr Zimmer. Sie setzt sich an exakt dieselbe Stelle wie vorhin, und betet, dass dem kleinem Kind nichts passiert. Mr. Pepper hält sie dabei fest im Arm. Und auch als das furchteinflößende Geräusch endlich endet, und sie beschliest, dass es Zeit war ins Bett zu gehen, lässt sie ihn nicht los. Sie setzt ihn auf ihren Bauch, und blickt ihn fragend an. „Hat mich meine Mommy eigentlich lieb?“, flüstert sie ihm zu. Und während sie auf einen Antwort wartet fällt sie in einen tiefen Schlaf.

Völlig übermüdet von den beiden letzten anstrengenden Tagen, ließ ich mich erschöpft in mein kuscheliges Bett fallen. Ich wollte gerade die Lampe ausknipsen, als mein blick auf meinen Glücksbringer viel, der auf meinem Nachttisch saß. Ich hatte ihn schon seit ich mich erinnern konnte, er war noch nie von meiner Seite gewichen. Ich warf ihm ein Lächeln zu und knipste die Lampe aus. „Gute Nacht, Mr. Pepper“, flüsterte ich, bevor ich ins Traumland reiste.

Kapitel 3        Bei Kaffee und Cola

Das Läuten meines Handys riss mich aus meinem Schlaf. Weg von meinem süßen Traumprinzen und auch weg von der Erinnerung an ihn. Alles was blieb war das Bild seiner wunderschönen smaragdgrünen Augen.
Ich klappte mein Handy auf ohne zu sehen wer dran ist. Ein Fehler, denn hätte ich gewusst mit wem ich spreche, hätte ich mich wohl kaum mit einem verschlafenen „Hallo!“, gemeldet.

Es war schon gegen Mittag als ich endlich am Lindenhof ankam. Zuerst wollte ich etwas zu spät kommen, um nicht so zu wirken als hätte ich nur auf seinen Anruf gewartet, um ihn wiedersehen zu können. – Auch wenn es so war. Aber ich wollte nicht, dass er das wusste. Sonst würde er entweder denken ich hätte es bitter nötig, oder er würde mich für komplett verrückt halten. Schlimmstenfalls sogar für beides. Davon war ich überzeugt. Und deshalb wollte ich das mit allen mir möglichen Mitteln verhindern. Doch als ich so zu Hause saß und versuchte die Zeit tot zu schlagen, um etwas zu spät zu kommen, kam mir noch ein anderer Gedanke: Was wenn er denk ich will mich nicht mit ihm treffen, wenn ich zu spät komme?! Vielleicht glaubt er dann, dass es für mich nur ein One-Night-Stand war?! Plötzlich kam mir ein noch viel schlimmerer Gedanke: Was wenn es für ihn nur ein One-Night-Stand war?! ‚Aber wenn es so wäre, warum will er mich dann treffen? ‘, versuchte ich mich selbst zu beruhigen. Obwohl, es war nur ein Mittagessen.

„Tut mir leid, dass ich zu spät bin“, entschuldigte ich mich, als ich an dem Tisch an dem er saß ankam. „der Verkehr war schrecklich“ Das war nur eine Halblüge. Der Verkehr war wirklich schrecklich, weil ich mich eben nicht entscheiden konnte.
„Ist schon gut“, während er aufstand um mich links und rechts auf die Wange zu küssen. Ich hatte erwartet, dass das ganze Treffen zuerst etwas unangenehm wird, deswegen überraschte mich sein Handeln etwas, und auch weil er mir gestern viel schüchterner vorkam. Aber vielleicht hatte ich mich auch getäuscht. Jedenfalls fühlte ich mich wohler in der ganzen Situation als ich gedacht hatte. Wir grinsten uns an und setzten uns.
Keine Sekunde später kam die Kellnerin, als hätte sie nur darauf gewartet, dass wir endlich Platz nehmen. „Was darf ich euch zu trinken bringen?“, fragte sie freundlich, während sie uns die Speisekarten überreichte. „Kaffee“, sagte ich ohne nachzudenken. Ich fühlte einfach müde. Aber das lag definitiv nicht an Sam. Es war einfach noch eine Restmüdigkeit von Gestern. Jedes Aufeinandertreff mit Marie hinterließ bei mir so eine Müdigkeit. Sie schaffte es einfach meine ganze Energie für eine Woche zu verbrauchen. Diese Energie floß hauptsächlich in meine Selbstbeherrschung ihr gegenüber ein. Und davon brauchte ich eine ganze Menge, immerhin konnte ich sie nicht nach ungefähr jedem Satz den sie von sich gibt anschreien, auch wenn ich gerne Lust dazu hatte und sie es auch fast immer verdiente. das ging einfach nicht. Sie war meine Mutter und verdiente wenigstens etwas Respekt.
Sam blickte mich komisch an. „Kaffee? Es ist schon gegen Mittag“ „Ohne Kaffee funktioniere ich nicht. Das ist als würde ein Auto ohne Treibstoff fahren: Unmöglich.“ „Okay“, zuckte er mit den Schultern:“ Ich hätte gerne Cola“

„Wie läuft eigentlich die Suche nach deinem Dad? Irgendwelche neue Informationen?“, fragte ich, bevor ich mir eine Gabel voll Spaghetti in den Mund steckte.
„Dafür, dass ich schon fast eine Woche hier bin, eigentlich ziemlich erfolglos. Das einzige das ich weiß ist noch immer nur sein Vorname, und dass er hier in Kanston lebte. Ich habe keine Ahnung ob er noch hier lebt, und eigentlich auch keine Ahnung nach wem ich eigentlich suche.“, gab er frustriert zu. „Hast du sonst keinen Anhaltspunkt? Kein Foto oder, oder irgendetwas. Weiß deine Mom auch nicht mehr?“ „Ich denke sie weiß mehr, aber sie will es mir nicht erzählen. Sie ist eigentlich ziemlich gegen die ganze Ich-will-meinen-Dad-finden Sache.“ Ich nickte mitfühlend. Es kam eigentlich ziemlich selten vor, dass ich mir so nutzlos vorkam. Ich wollte ihm so gerne helfen, aber ich wusste nicht wie.
„Okay erzähl mir alles was du über ihn weißt. Vielleicht kenne ich ihn ja. Es wäre zwar ein ziemlicher Zufall, denn in diesem Kaff, auch wenn man es kaum glaubt, leben über 1 Million Menschen“ Er grinste spöttisch. Ein Grinsen, in das man sich verlieben könnte. Oder, in meinem Fall, bereits verliebt hat. „Unter einem Kaff stelle ich mir aber was anderes vor.“ „Pff“, grinste ich zurück „ Na dann hast du eben keine Ahnung“

„Ich bin mit Mr. Matthew Sander zum Essen verabredet“, versuchte ich der blonden Kellnerin möglichst normal wirkend zu erklären. Schließlich wollte ich meine schlechte Laune nicht an ihr auslassen. Sie konnte ja nichts dafür, dass ich zu diesem Treffen gezwungen wurde. Das war einzig und allein Maries Werk. Obwohl, warum sollte sie schon wieder die ganzen Lorbeeren einheimsen: Ich war es gewesen, die widerstandslos, oder fast widerstandslos, nachgegeben hatte. Und von einem Augenblick zum anderen wurde meine Laune noch besser. Wie konnte ich nur so ein Schwächling sein. Gott, warum hatte ich nicht einfach NEIN gesagt? Ach, jetzt fällt’s mir wieder ein: Niemand kann nein zu Marie Anna Susan Phillips. Und schon gar nicht ich. Immerhin bezahlt sie meine Studiengebühren, meine Wohnung, mein Essen, … mein alles. Ich bin komplett von ihr abhängig. Aber so viel ich das auch hasse, wenn ich jemals unabhängig sein will, muss ich ihr jetzt diesen Triumph lassen. Außerdem heiterte mich alleine das Wissen auf, dass, falls mein Plan aufgeht, ihre Macht über mich in spätestens 2 Jahren gebrochen ist. Denn dann war mein Studium offiziell beendet.
Noch etwas in Gedanken erreichte ich den Tisch hinter der Kellnerin. Ein sandblonder junger Mann erhob sich von seinem Stuhl und streckte mir die hand entgegen.
„Du bist Lucy, stimmt‘s?“ Verblüfft schüttelte ich seine Hand. Ich hatte ihn mir ganz anders vorgestellt. Nicht so charmant und vor allem nicht so gut aussehend. Vielleicht würde der Abend ja noch eine unvorhergesehene Wendung nehmen.
„Stimmt“, lächelte ich.
„Die Ähnlichkeit zu Marie ist nicht zu verkennen“
Da stand er, seine Himmelblauen Augen leuchteten ganz erfreut über das große Kompliment, dass er ausgesprochen hatte, und schob mir den Stuhl etwas zurück damit ich mich setzten konnte. Und ich? Ich stand da und ging die Chancen meiner unbemerkten Flucht durch, denn von diesem Augenblick an wusste ich, dass der Abend wirklich eine unvorhergesehene Wendung genommen hatte. Er würde nämlich noch schrecklicher werden als ich befürchtet hatte.

Gelangweilt saß ich da und starrte gerade aus, während ich meiner einzigen Beschäftigung seit zwei Stunden nachging, nicht zu gähnen. Vorspeise und Hauptspeise hatte ich bereits geschafft, und in zwischen war ich mir auch mit einer Sache sich, ich hatte noch nie eine Person langsamer essen sehen als Matthew Sander. Es kam mir vor, als würde er für einen Bissen 10 Minuten brauchen. Und wenn ich auf die Uhr schaute, war es möglich, dass es auch so war. Denn welche normale Person braucht zwei Stunden für zwei Gänge. Seine einzige Entschuldigung war sein Aussehen. Fast so gut als würde man Nick Jonas beim essen zusehen. Obwohl, ich bin mir sicher, dass ein Date mit ihm interessanter wäre, und außerdem nur in meinen Träumen stattfinden würde. Schade eigentlich.
Plötzlich spürte ich ein leichtes kitzeln an meinem Fuß. Ich blickte hinunter und fand nur meine Tasche, musste wohl mein Handy sein.
Vorsichtig wie ein kleines Schulmädchen, stellte ich möglichst unauffällig die Tasche auf meinen Schoß. Dabei lächelte ich Matthew weiterhin an und tat so als würde ich ihm zuhören. Ich kam mir vor wie ein kleines Schulmädchen. Wer immer auch mich anrieft, ich würde ewig in seiner Schuld stehen. Dieser kleine Nervenkitzel rette mich nämlich davor mich vor lauter Langeweile aus einem Fenster dieses Restaurants zu werfen.
Noch immer heimlich zog ich mein Handy aus seinem Fach und versuchte den Namen auf dem Display zu erkennen. Nebenbei gelang es mir noch, so zu tun als würde ich Matthew zu hören. Albwohl ich mir so viel gar nicht zugetraut hätte. Vielleicht hatte er auch etwas gemerkt und sagte nur aus Höflichkeit nichts.
Wie auch immer. Endlich hatte ich einen besseren Blick auf mein Handy. Mein Lächeln wurde größer und verwandelte sich ganz plötzlich von einem gespielten in ein echtes Lächeln. SAM stand in großen Buchstaben auf dem Display.
„Ähm“, unterbrach ich Matthews Redefluss und bekam dafür einen verwirrten Blick. Besser als ein böser oder gar haßerfüllter Blick.
„Ich müsste“, ich überlegte um die richtigen Worte zu wählen „mir mal die Nase pudern“
Matthew nickte nur verwirrt während ich auch schon aufgesprungen war und Richtung Toilette eilte.
Blitzschnell verschwand ich in einer Kabine und klappte den Klodeckel herunter um mich darauf setzen zu können.
„Hallo“, hörte ich endlich die Stimme sagen, nach der ich mich schon den ganzen Tag sehnte.
„Hey“, gab ich zurück und fühlte richtig wie ich rot wurde, obwohl ich alleine in einer Toilettenkabine saß, wo mich keine Menschenseele sehen konnte.
„Ich wollte nur wissen ob du Mittwoch schon was vor hast“
„Vielleicht. Warum?“, wollte ich wissen.
„Naja, ich dachte du könntest dich vielleicht mit mir treffen“ Er klang schüchtern. Irgendwie süß. „Aber nur wenn du Lust hast.“ Fügte er schnell hinzu.
„Und was genau hättest du im Sinn?“
„Das ist eine Überraschung“
„Ich hasse Überraschungen“
„Damit wirst du wohl Leben müssen“ Ich streckte ihm die Zunge raus, obwohl ich wusste, dass er mich nicht sehen konnte. Eine Sinnlose Angewohnheit von mir.
„Also, ich treffe dich Mittwoch um 10 vor dem Lindenhof.“ Und damit hatte er aufgelegt und mich verdutz über seinen plötzlichen Mut Mutterseelen alleine in der Toilettenkabine sitzen lassen. Das einzige was mir jetzt noch übrig blieb war zurück zu Matthew zu gehen. Voller Begeisterung lieb ich meinen Kopf in meine Hände fallen.

Mit einem Lächeln im Gesicht setzte ich mich stillschweigend zurück an den Tisch. Matthew beobachtete mich dabei genauestens. Etwas unheimlich, aber zu meiner Verwunderung verlor er dabei kein Wort.

„Ich habe den Abend wirklich sehr genossen“, erklärte mir Matthew zum 100. Mals , als er mir die Tür des Taxis aufhielt.
„Ich auch“, versicherte ich ihm mit einem gezwungenen Lächeln.
„Gut, den ich wollte dich bitten mich auf den Benefizball für Krebskranke Kinder diesen Samstag zu begleiten“ Er blickte mich mit Hundeaugen an. Und irgendwie vergass ich dabei den ganzen langweiligen Abend. Ich würde so oder so zum Ball gehen müssen. Dafür würde Marie sorgen. Das hatte sie mir schon klar gemacht. Warum also nicht mit ihm gehen. Das war eine gute Tat. Sogar zwei. Es machte Matthew und Marie glücklich. Ich hoffte nur, dass Gott es später zu würdigen weiß.
„Sicher“, nickte ich und verschwand im Taxi, heil froh darüber den Abend überstanden zu haben.

Kapitel 4        Sag niemals nie

„Ich kann noch immer nicht glauben, dass du das gemacht hast. Ich komme mir vor wie in einem Kitsch-Märchen.“ Vollgestopft legte ich mich zurück auf die Decke und versuchte den Moment zu genießen. Ich wollte mir alles um mich herum genauesten einprägen. Es war einfach zu perfekt als das ich es je wieder vergessen wollte. Ich ließ meinen Blick herumschweifen und blieb an Sams Gesicht hängen, wie damals in der Bar. Damals, wie das Klang, dabei war es noch nicht einmal eine Woche her. Seine smaragdgrünen Augen strahlten und wirkten dabei so weich und unschuldig wie die eines Kindes. Man konnte sein ganzes Wesen mit dem eines Kindes vergleichen. Er war schüchtern und dann war er wieder ganz selbstbewußt und wagte den nächsten Schritt. Und dann war er sich oft nicht mehr sicher, ob er das richtige getan hatte.  So wie jetzt gerade.
 Er ließ sich geradewegs rückwärts neben mich auf die Decke fallen. Wir drehten beide in die Mitte und starrten uns an. Ich konnte die Lust in seinen Augen sehen. Ich wusste genau, dass er mich genau so gerne küssen wollte wie ich ihn. Aber trotzdem war ich zu feige. Wir hatten uns seit der Nacht in der Bar nicht mehr geküßt. Nur auf die Wange als freundschaftliche Geste, aber das war etwas anderes. Plötzlich spürte ich seine Lippen auf meinen. Zuerst ganz sanft und ruhig, aber dann aggressiver. Unsere ganze Leidenschaft der letzten 5 Tage lag in diesem einen Kuss. Vorsichtig rollte er sich über mich, aber stützte sich mit den Ellbogen neben meinem Kopf ab um mich nicht zu erdrücken. Ich vergrub meine Finger in seinen braunen Wuschelhaaren und versuchte ihn näher an mich heranzuziehen, wenn das überhaupt noch möglich war. Unfreiwillig löste er unsere Lippen voneinander, um nach Luft zu schnappen. Schwer atmend legte er seine Stirn auf meine und blickte mir in die Augen. Grün trifft auf Blau. Seine Augen funkelten wie Smaragde die von der Sonne angestrahlt werden. Ein schöneres grün hatte ich in meinem Leben noch nicht gesehen. Ich fühlte mich beschütz und geliebt als ich seine Augen blickte. Niemand konnte mir etwas anhaben. Niemand konnte mir meine Freude nehmen. Nicht einmal Marie. Und das wichtigste, sie konnte mir die Liebe nicht nehmen.
Liebe?! Liebte ich ihn? Ich betrachtete noch einmal sein wunderschönes Gesicht, mit den engelsgleichen Zügen und den glitzernden Smaragden. Die letzten Tage zogen noch einmal an meinen Augen vorbei, und ich spürte das Lächeln auch meinen Lippen, das seit kurzen mein dauernder Begleiter geworden war. Ich war mir nicht sicher ob ich ihn liebte, aber ich war mir sicher, dass daraus liebe werden konnte. Mir fiel auf, dass er genau so in seine Gedanken vertieft war wie ich, und sein Grinsen, sein wunderbares Grinsen, sogar größer wirkte als mein Lächeln.
„Woran denkst du?“, fragte ich kurzerhand und er schien aus seiner Trance zu erwachen.
„Dich“, antwortete er, als wäre es das normalste auf der Welt und drückte mir einen Kuss auf die Lippen, aber dieses Mal einen kurzen unschuldigen.
„Schleimer“ Aber trotzdem konnte ich verhindern, dass mein Lächeln noch größer wurde.
„Nur die Wahrheit“ sagte er während er von sich mir rollte und sich wieder neben mich auf die Decke legte.
„Sicher“ murmelte ich und drehte mich auf den Rücken.
 Im Park wuchs eine Vielzahl von verschiedenen Blumen. In allen Farben leuchteten sie durch die grünen Halme. Blumen hatten schon immer eine beruhigende Wirkung auf mich. Mir kam es oft so vor als wollten sie mich durch ihre bunten Farben aufheitern. Ich musste kichern bei der Vorstellung.
Plötzlich viel mein Blick auf etwas Besonderes. „Schau, ein 4-blätriges Kleeblatt“
Ich deutete mit dem Finger darauf, damit auch Sam es sehen konnte.
„Das bringt Glück“, stellte er fest. Ich nickte und legte meinen Kopf auf seinen Bauch. Er hielt mich mit der rechten Hand fest, damit ich nicht wegrutschte und mit der anderen spiele er mit meinen Haaren.
„Von jetzt an werde ich dich Lucy nennen. Weil du Glück haben wirst, wegen dem Kleeblatt, Glück bringst, weil ich dich getroffen habe, und mein ganzes Glück bist“, sagte er aus dem nichts heraus.

Mit roten geschwollenen Augen setzt sich das kleine Mädchen unter die Eiche. In der Hand hält sie ihren stets Treuen Begleiter: Mr. Pepper. Der Schatten den die Eiche wirft kommt ihr gerade recht. Er ist schön dunkel. Die helle Farbe der Sonne paßt jetzt ganz und gar nicht zu ihrer Stimmung. Sie ist deprimiert und will, dass sich die Natur auch dem anpasst. Sie wischt sich noch ein Mal die Tränen mit ihren kleinen Händen aus den Augen. Vergebens, denn es kommen immer wieder neue nach. Frustriert zieht sie die Knie an und beschließt die Tränen einfach in ihre rosa ¾ Hose laufen zu lassen. Plötzlich hört sie Schritte näher kommen. In ihrem Schock springt sie auf, ohne den Ast über ihrem Kopf zu bemerken. „Au!“, schreit das kleine Mädchen schmerzerfüllt. „Blöder Ast“, murmelt sie leise, in der Hoffnung, dass sie niemand gehört hat.“Weißt du, dass man in die Hölle kommt wen man flucht?“, fragt eine Stimme aus dem nichts. „Ich weiß“, antwortet sie kurz, ohne zu sehen mit wem sie spricht und setzt sich wieder unter die Eiche, jedoch auf der gegenüberliegenden Seite, so weit wie möglich von dem Fremden weg. „Und warum fluchst du dann?“, fragt die gleiche Stimme wie zuvor. Das kleine Mädchen antwortet nicht. Sie hat keine Lust zu reden.“Was machst du eigentlich hier?“, fragt die gleiche nervige Stimme. Sie antwortend wieder nicht. „Weinst du?“ Erst jetzt bemerkt sie, dass sie noch immer schluchzt. Trotzdem bleibt sie wieder still. ‚Was kümmert es die Stimme? ‘, denkt sie. Das kleine Mädchen wartet schon auf die nächste Frage, als es spürt wie sie jemand von der Seite in den Arm nimmt. Es ist ein gutes Gefühl. Sie fühlt sich irgendwie sicher. Als könnte ihr nichts passieren. „Warum weinst du“, fragt die Stimme, doch dieses Mal sanft und mitfühlend. Das Mädchen überkommt plötzlich das Gefühl dem geheimnisvollen Unbekanten alles erzählen. Mit neuem Mut erfüllt hebt sie ihren kleinen Kopf um den Besitzer der Stimme sehen zu können. Ihre blau glitzernden, tränen überströmten Augen treffen, auf die smaragdgrünen eines kleinen kastanienbraunhaarigen Jungen.  „Meine Mommy sagt, dass mich nie jemand lieb haben wird, wenn ich mich nicht ändere“, schluchzt sie, während er sie weiter im Arm hält und ihr hilflos beim weinen zu sieht.

Kapitel 3        Bei Kaffee und Cola

Das Läuten meines Handys riss mich aus meinem Schlaf. Weg von meinem süßen Traumprinzen und auch weg von der Erinnerung an ihn. Alles was blieb war das Bild seiner wunderschönen smaragdgrünen Augen.
Ich klappte mein Handy auf ohne zu sehen wer dran ist. Ein Fehler, denn hätte ich gewusst mit wem ich spreche, hätte ich mich wohl kaum mit einem verschlafenen „Hallo!“, gemeldet.

Es war schon gegen Mittag als ich endlich am Lindenhof ankam. Zuerst wollte ich etwas zu spät kommen, um nicht so zu wirken als hätte ich nur auf seinen Anruf gewartet, um ihn wiedersehen zu können. – Auch wenn es so war. Aber ich wollte nicht, dass er das wusste. Sonst würde er entweder denken ich hätte es bitter nötig, oder er würde mich für komplett verrückt halten. Schlimmstenfalls sogar für beides. Davon war ich überzeugt. Und deshalb wollte ich das mit allen mir möglichen Mitteln verhindern. Doch als ich so zu Hause saß und versuchte die Zeit tot zu schlagen, um etwas zu spät zu kommen, kam mir noch ein anderer Gedanke: Was wenn er denk ich will mich nicht mit ihm treffen, wenn ich zu spät komme?! Vielleicht glaubt er dann, dass es für mich nur ein One-Night-Stand war?! Plötzlich kam mir ein noch viel schlimmerer Gedanke: Was wenn es für ihn nur ein One-Night-Stand war?! ‚Aber wenn es so wäre, warum will er mich dann treffen? ‘, versuchte ich mich selbst zu beruhigen. Obwohl, es war nur ein Mittagessen.

„Tut mir leid, dass ich zu spät bin“, entschuldigte ich mich, als ich an dem Tisch an dem er saß ankam. „der Verkehr war schrecklich“ Das war nur eine Halblüge. Der Verkehr war wirklich schrecklich, weil ich mich eben nicht entscheiden konnte.
„Ist schon gut“, während er aufstand um mich links und rechts auf die Wange zu küssen. Ich hatte erwartet, dass das ganze Treffen zuerst etwas unangenehm wird, deswegen überraschte mich sein Handeln etwas, und auch weil er mir gestern viel schüchterner vorkam. Aber vielleicht hatte ich mich auch getäuscht. Jedenfalls fühlte ich mich wohler in der ganzen Situation als ich gedacht hatte. Wir grinsten uns an und setzten uns.
Keine Sekunde später kam die Kellnerin, als hätte sie nur darauf gewartet, dass wir endlich Platz nehmen. „Was darf ich euch zu trinken bringen?“, fragte sie freundlich, während sie uns die Speisekarten überreichte. „Kaffee“, sagte ich ohne nachzudenken. Ich fühlte einfach müde. Aber das lag definitiv nicht an Sam. Es war einfach noch eine Restmüdigkeit von Gestern. Jedes Aufeinandertreff mit Marie hinterließ bei mir so eine Müdigkeit. Sie schaffte es einfach meine ganze Energie für eine Woche zu verbrauchen. Diese Energie floß hauptsächlich in meine Selbstbeherrschung ihr gegenüber ein. Und davon brauchte ich eine ganze Menge, immerhin konnte ich sie nicht nach ungefähr jedem Satz den sie von sich gibt anschreien, auch wenn ich gerne Lust dazu hatte und sie es auch fast immer verdiente. das ging einfach nicht. Sie war meine Mutter und verdiente wenigstens etwas Respekt.
Sam blickte mich komisch an. „Kaffee? Es ist schon gegen Mittag“ „Ohne Kaffee funktioniere ich nicht. Das ist als würde ein Auto ohne Treibstoff fahren: Unmöglich.“ „Okay“, zuckte er mit den Schultern:“ Ich hätte gerne Cola“

„Wie läuft eigentlich die Suche nach deinem Dad? Irgendwelche neue Informationen?“, fragte ich, bevor ich mir eine Gabel voll Spaghetti in den Mund steckte.
„Dafür, dass ich schon fast eine Woche hier bin, eigentlich ziemlich erfolglos. Das einzige das ich weiß ist noch immer nur sein Vorname, und dass er hier in Kanston lebte. Ich habe keine Ahnung ob er noch hier lebt, und eigentlich auch keine Ahnung nach wem ich eigentlich suche.“, gab er frustriert zu. „Hast du sonst keinen Anhaltspunkt? Kein Foto oder, oder irgendetwas. Weiß deine Mom auch nicht mehr?“ „Ich denke sie weiß mehr, aber sie will es mir nicht erzählen. Sie ist eigentlich ziemlich gegen die ganze Ich-will-meinen-Dad-finden Sache.“ Ich nickte mitfühlend. Es kam eigentlich ziemlich selten vor, dass ich mir so nutzlos vorkam. Ich wollte ihm so gerne helfen, aber ich wusste nicht wie.
„Okay erzähl mir alles was du über ihn weißt. Vielleicht kenne ich ihn ja. Es wäre zwar ein ziemlicher Zufall, denn in diesem Kaff, auch wenn man es kaum glaubt, leben über 1 Million Menschen“ Er grinste spöttisch. Ein Grinsen, in das man sich verlieben könnte. Oder, in meinem Fall, bereits verliebt hat. „Unter einem Kaff stelle ich mir aber was anderes vor.“ „Pff“, grinste ich zurück „ Na dann hast du eben keine Ahnung“

„Ich bin mit Mr. Matthew Sander zum Essen verabredet“, versuchte ich der blonden Kellnerin möglichst normal wirkend zu erklären. Schließlich wollte ich meine schlechte Laune nicht an ihr auslassen. Sie konnte ja nichts dafür, dass ich zu diesem Treffen gezwungen wurde. Das war einzig und allein Maries Werk. Obwohl, warum sollte sie schon wieder die ganzen Lorbeeren einheimsen: Ich war es gewesen, die widerstandslos, oder fast widerstandslos, nachgegeben hatte. Und von einem Augenblick zum anderen wurde meine Laune noch besser. Wie konnte ich nur so ein Schwächling sein. Gott, warum hatte ich nicht einfach NEIN gesagt? Ach, jetzt fällt’s mir wieder ein: Niemand kann nein zu Marie Anna Susan Phillips. Und schon gar nicht ich. Immerhin bezahlt sie meine Studiengebühren, meine Wohnung, mein Essen, … mein alles. Ich bin komplett von ihr abhängig. Aber so viel ich das auch hasse, wenn ich jemals unabhängig sein will, muss ich ihr jetzt diesen Triumph lassen. Außerdem heiterte mich alleine das Wissen auf, dass, falls mein Plan aufgeht, ihre Macht über mich in spätestens 2 Jahren gebrochen ist. Denn dann war mein Studium offiziell beendet.
Noch etwas in Gedanken erreichte ich den Tisch hinter der Kellnerin. Ein sandblonder junger Mann erhob sich von seinem Stuhl und streckte mir die hand entgegen.
„Du bist Lucy, stimmt‘s?“ Verblüfft schüttelte ich seine Hand. Ich hatte ihn mir ganz anders vorgestellt. Nicht so charmant und vor allem nicht so gut aussehend. Vielleicht würde der Abend ja noch eine unvorhergesehene Wendung nehmen.
„Stimmt“, lächelte ich.
„Die Ähnlichkeit zu Marie ist nicht zu verkennen“
Da stand er, seine Himmelblauen Augen leuchteten ganz erfreut über das große Kompliment, dass er ausgesprochen hatte, und schob mir den Stuhl etwas zurück damit ich mich setzten konnte. Und ich? Ich stand da und ging die Chancen meiner unbemerkten Flucht durch, denn von diesem Augenblick an wusste ich, dass der Abend wirklich eine unvorhergesehene Wendung genommen hatte. Er würde nämlich noch schrecklicher werden als ich befürchtet hatte.

Gelangweilt saß ich da und starrte gerade aus, während ich meiner einzigen Beschäftigung seit zwei Stunden nachging, nicht zu gähnen. Vorspeise und Hauptspeise hatte ich bereits geschafft, und in zwischen war ich mir auch mit einer Sache sich, ich hatte noch nie eine Person langsamer essen sehen als Matthew Sander. Es kam mir vor, als würde er für einen Bissen 10 Minuten brauchen. Und wenn ich auf die Uhr schaute, war es möglich, dass es auch so war. Denn welche normale Person braucht zwei Stunden für zwei Gänge. Seine einzige Entschuldigung war sein Aussehen. Fast so gut als würde man Nick Jonas beim essen zusehen. Obwohl, ich bin mir sicher, dass ein Date mit ihm interessanter wäre, und außerdem nur in meinen Träumen stattfinden würde. Schade eigentlich.
Plötzlich spürte ich ein leichtes kitzeln an meinem Fuß. Ich blickte hinunter und fand nur meine Tasche, musste wohl mein Handy sein.
Vorsichtig wie ein kleines Schulmädchen, stellte ich möglichst unauffällig die Tasche auf meinen Schoß. Dabei lächelte ich Matthew weiterhin an und tat so als würde ich ihm zuhören. Ich kam mir vor wie ein kleines Schulmädchen. Wer immer auch mich anrieft, ich würde ewig in seiner Schuld stehen. Dieser kleine Nervenkitzel rette mich nämlich davor mich vor lauter Langeweile aus einem Fenster dieses Restaurants zu werfen.
Noch immer heimlich zog ich mein Handy aus seinem Fach und versuchte den Namen auf dem Display zu erkennen. Nebenbei gelang es mir noch, so zu tun als würde ich Matthew zu hören. Albwohl ich mir so viel gar nicht zugetraut hätte. Vielleicht hatte er auch etwas gemerkt und sagte nur aus Höflichkeit nichts.
Wie auch immer. Endlich hatte ich einen besseren Blick auf mein Handy. Mein Lächeln wurde größer und verwandelte sich ganz plötzlich von einem gespielten in ein echtes Lächeln. SAM stand in großen Buchstaben auf dem Display.
„Ähm“, unterbrach ich Matthews Redefluss und bekam dafür einen verwirrten Blick. Besser als ein böser oder gar haßerfüllter Blick.
„Ich müsste“, ich überlegte um die richtigen Worte zu wählen „mir mal die Nase pudern“
Matthew nickte nur verwirrt während ich auch schon aufgesprungen war und Richtung Toilette eilte.
Blitzschnell verschwand ich in einer Kabine und klappte den Klodeckel herunter um mich darauf setzen zu können.
„Hallo“, hörte ich endlich die Stimme sagen, nach der ich mich schon den ganzen Tag sehnte.
„Hey“, gab ich zurück und fühlte richtig wie ich rot wurde, obwohl ich alleine in einer Toilettenkabine saß, wo mich keine Menschenseele sehen konnte.
„Ich wollte nur wissen ob du Mittwoch schon was vor hast“
„Vielleicht. Warum?“, wollte ich wissen.
„Naja, ich dachte du könntest dich vielleicht mit mir treffen“ Er klang schüchtern. Irgendwie süß. „Aber nur wenn du Lust hast.“ Fügte er schnell hinzu.
„Und was genau hättest du im Sinn?“
„Das ist eine Überraschung“
„Ich hasse Überraschungen“
„Damit wirst du wohl Leben müssen“ Ich streckte ihm die Zunge raus, obwohl ich wusste, dass er mich nicht sehen konnte. Eine Sinnlose Angewohnheit von mir.
„Also, ich treffe dich Mittwoch um 10 vor dem Lindenhof.“ Und damit hatte er aufgelegt und mich verdutz über seinen plötzlichen Mut Mutterseelen alleine in der Toilettenkabine sitzen lassen. Das einzige was mir jetzt noch übrig blieb war zurück zu Matthew zu gehen. Voller Begeisterung lieb ich meinen Kopf in meine Hände fallen.

Mit einem Lächeln im Gesicht setzte ich mich stillschweigend zurück an den Tisch. Matthew beobachtete mich dabei genauestens. Etwas unheimlich, aber zu meiner Verwunderung verlor er dabei kein Wort.

„Ich habe den Abend wirklich sehr genossen“, erklärte mir Matthew zum 100. Mals , als er mir die Tür des Taxis aufhielt.
„Ich auch“, versicherte ich ihm mit einem gezwungenen Lächeln.
„Gut, den ich wollte dich bitten mich auf den Benefizball für Krebskranke Kinder diesen Samstag zu begleiten“ Er blickte mich mit Hundeaugen an. Und irgendwie vergass ich dabei den ganzen langweiligen Abend. Ich würde so oder so zum Ball gehen müssen. Dafür würde Marie sorgen. Das hatte sie mir schon klar gemacht. Warum also nicht mit ihm gehen. Das war eine gute Tat. Sogar zwei. Es machte Matthew und Marie glücklich. Ich hoffte nur, dass Gott es später zu würdigen weiß.
„Sicher“, nickte ich und verschwand im Taxi, heil froh darüber den Abend überstanden zu haben.

Kapitel 4        Sag niemals nie

„Ich kann noch immer nicht glauben, dass du das gemacht hast. Ich komme mir vor wie in einem Kitsch-Märchen.“ Vollgestopft legte ich mich zurück auf die Decke und versuchte den Moment zu genießen. Ich wollte mir alles um mich herum genauesten einprägen. Es war einfach zu perfekt als das ich es je wieder vergessen wollte. Ich ließ meinen Blick herumschweifen und blieb an Sams Gesicht hängen, wie damals in der Bar. Damals, wie das Klang, dabei war es noch nicht einmal eine Woche her. Seine smaragdgrünen Augen strahlten und wirkten dabei so weich und unschuldig wie die eines Kindes. Man konnte sein ganzes Wesen mit dem eines Kindes vergleichen. Er war schüchtern und dann war er wieder ganz selbstbewußt und wagte den nächsten Schritt. Und dann war er sich oft nicht mehr sicher, ob er das richtige getan hatte.  So wie jetzt gerade.
 Er ließ sich geradewegs rückwärts neben mich auf die Decke fallen. Wir drehten beide in die Mitte und starrten uns an. Ich konnte die Lust in seinen Augen sehen. Ich wusste genau, dass er mich genau so gerne küssen wollte wie ich ihn. Aber trotzdem war ich zu feige. Wir hatten uns seit der Nacht in der Bar nicht mehr geküßt. Nur auf die Wange als freundschaftliche Geste, aber das war etwas anderes. Plötzlich spürte ich seine Lippen auf meinen. Zuerst ganz sanft und ruhig, aber dann aggressiver. Unsere ganze Leidenschaft der letzten 5 Tage lag in diesem einen Kuss. Vorsichtig rollte er sich über mich, aber stützte sich mit den Ellbogen neben meinem Kopf ab um mich nicht zu erdrücken. Ich vergrub meine Finger in seinen braunen Wuschelhaaren und versuchte ihn näher an mich heranzuziehen, wenn das überhaupt noch möglich war. Unfreiwillig löste er unsere Lippen voneinander, um nach Luft zu schnappen. Schwer atmend legte er seine Stirn auf meine und blickte mir in die Augen. Grün trifft auf Blau. Seine Augen funkelten wie Smaragde die von der Sonne angestrahlt werden. Ein schöneres grün hatte ich in meinem Leben noch nicht gesehen. Ich fühlte mich beschütz und geliebt als ich seine Augen blickte. Niemand konnte mir etwas anhaben. Niemand konnte mir meine Freude nehmen. Nicht einmal Marie. Und das wichtigste, sie konnte mir die Liebe nicht nehmen.
Liebe?! Liebte ich ihn? Ich betrachtete noch einmal sein wunderschönes Gesicht, mit den engelsgleichen Zügen und den glitzernden Smaragden. Die letzten Tage zogen noch einmal an meinen Augen vorbei, und ich spürte das Lächeln auch meinen Lippen, das seit kurzen mein dauernder Begleiter geworden war. Ich war mir nicht sicher ob ich ihn liebte, aber ich war mir sicher, dass daraus liebe werden konnte. Mir fiel auf, dass er genau so in seine Gedanken vertieft war wie ich, und sein Grinsen, sein wunderbares Grinsen, sogar größer wirkte als mein Lächeln.
„Woran denkst du?“, fragte ich kurzerhand und er schien aus seiner Trance zu erwachen.
„Dich“, antwortete er, als wäre es das normalste auf der Welt und drückte mir einen Kuss auf die Lippen, aber dieses Mal einen kurzen unschuldigen.
„Schleimer“ Aber trotzdem konnte ich verhindern, dass mein Lächeln noch größer wurde.
„Nur die Wahrheit“ sagte er während er von sich mir rollte und sich wieder neben mich auf die Decke legte.
„Sicher“ murmelte ich und drehte mich auf den Rücken.
 Im Park wuchs eine Vielzahl von verschiedenen Blumen. In allen Farben leuchteten sie durch die grünen Halme. Blumen hatten schon immer eine beruhigende Wirkung auf mich. Mir kam es oft so vor als wollten sie mich durch ihre bunten Farben aufheitern. Ich musste kichern bei der Vorstellung.
Plötzlich viel mein Blick auf etwas Besonderes. „Schau, ein 4-blätriges Kleeblatt“
Ich deutete mit dem Finger darauf, damit auch Sam es sehen konnte.
„Das bringt Glück“, stellte er fest. Ich nickte und legte meinen Kopf auf seinen Bauch. Er hielt mich mit der rechten Hand fest, damit ich nicht wegrutschte und mit der anderen spiele er mit meinen Haaren.
„Von jetzt an werde ich dich Lucy nennen. Weil du Glück haben wirst, wegen dem Kleeblatt, Glück bringst, weil ich dich getroffen habe, und mein ganzes Glück bist“, sagte er aus dem nichts heraus.

Mit roten geschwollenen Augen setzt sich das kleine Mädchen unter die Eiche. In der Hand hält sie ihren stets Treuen Begleiter: Mr. Pepper. Der Schatten den die Eiche wirft kommt ihr gerade recht. Er ist schön dunkel. Die helle Farbe der Sonne paßt jetzt ganz und gar nicht zu ihrer Stimmung. Sie ist deprimiert und will, dass sich die Natur auch dem anpasst. Sie wischt sich noch ein Mal die Tränen mit ihren kleinen Händen aus den Augen. Vergebens, denn es kommen immer wieder neue nach. Frustriert zieht sie die Knie an und beschließt die Tränen einfach in ihre rosa ¾ Hose laufen zu lassen. Plötzlich hört sie Schritte näher kommen. In ihrem Schock springt sie auf, ohne den Ast über ihrem Kopf zu bemerken. „Au!“, schreit das kleine Mädchen schmerzerfüllt. „Blöder Ast“, murmelt sie leise, in der Hoffnung, dass sie niemand gehört hat.“Weißt du, dass man in die Hölle kommt wen man flucht?“, fragt eine Stimme aus dem nichts. „Ich weiß“, antwortet sie kurz, ohne zu sehen mit wem sie spricht und setzt sich wieder unter die Eiche, jedoch auf der gegenüberliegenden Seite, so weit wie möglich von dem Fremden weg. „Und warum fluchst du dann?“, fragt die gleiche Stimme wie zuvor. Das kleine Mädchen antwortet nicht. Sie hat keine Lust zu reden.“Was machst du eigentlich hier?“, fragt die gleiche nervige Stimme. Sie antwortend wieder nicht. „Weinst du?“ Erst jetzt bemerkt sie, dass sie noch immer schluchzt. Trotzdem bleibt sie wieder still. ‚Was kümmert es die Stimme? ‘, denkt sie. Das kleine Mädchen wartet schon auf die nächste Frage, als es spürt wie sie jemand von der Seite in den Arm nimmt. Es ist ein gutes Gefühl. Sie fühlt sich irgendwie sicher. Als könnte ihr nichts passieren. „Warum weinst du“, fragt die Stimme, doch dieses Mal sanft und mitfühlend. Das Mädchen überkommt plötzlich das Gefühl dem geheimnisvollen Unbekanten alles erzählen. Mit neuem Mut erfüllt hebt sie ihren kleinen Kopf um den Besitzer der Stimme sehen zu können. Ihre blau glitzernden, tränen überströmten Augen treffen, auf die smaragdgrünen eines kleinen kastanienbraunhaarigen Jungen.  „Meine Mommy sagt, dass mich nie jemand lieb haben wird, wenn ich mich nicht ändere“, schluchzt sie, während er sie weiter im Arm hält und ihr hilflos beim weinen zu sieht.

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